Bei dem Check prüfen unabhängige Experten, wie die Atommailer auf Naturkatastrophen wie Erdbeben, Hochwasser oder Flugzeugunglücke vorbereitet sind. Das kündigte EU-Energiekommissar Günther Oettinger am Mittwoch in Brüssel nach einer Einigung der EU-Staaten an. Mögliche Terroranschläge sind zunächst nicht explizit inbegriffen und sollen später untersucht werden. Während Oettinger von „strengen Standards“ sprach, halten Umweltschützer die Tests für zu lasch.Der Test umfasst alle 143 Reaktoren in der EU, aber auch solche Kernkraftwerke, die erst in der Planung sind. Innerhalb der EU setzen derzeit 14 von 27 Staaten auf Nuklearenergie. „Weil diese Tests strenger als die EU-Kriterien waren, müssen sie nicht wiederholt werden“, sagte ein Brüsseler Diplomat. Ergebnisse der „Stresstests“ sollen zum Jahresende vorliegen, im Frühjahr 2012 will die EU-Kommission ihren Bericht veröffentlichen.Über die Kriterien und den Umfang hatten die Staaten wochenlang gestritten. Die auf Atomkraft setzenden EU-Mitgliedsländer, allen voran Großbritannien und Frankreich, lenkten schließlich ein. Der Kompromiss zwischen EU-Kommission und der Europäischen Gruppe für nukleare Sicherheit und Abfallentsorgung (ENSREG), in der die 27 Staaten vertreten sind, kam kurz vor Beginn des G8-Gipfels in Deauville an diesem Donnerstag zustande. Dort werden die Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Industrieländer und Russland (G8) auch über Nuklearsicherheit sprechen, um die Konsequenzen aus dem katastrophalen Atomunfall in Japan zu ziehen.Die EU-Kommission macht international Druck und ist unter anderem bereits in Gesprächen mit der Schweiz, Russland und der Ukraine über ähnliche Tests. Bisher gibt es keine vergleichbaren Überprüfungen in Europa. „Wir begeben uns auf Neuland“, sagte Oettinger. Zwar ist die Teilnahme freiwillig, doch die EU-Kommission erwartet, dass alle Kraftwerksbetreiber mitziehen. Wenn ein Werk durchfällt, müsste es im Prinzip nachgerüstet oder abgeschaltet werden. Die EU hat jedoch keine Handhabe, Meiler abzuschalten. Das können nur die Mitgliedsstaaten selbst anordnen, weil in der Atompolitik jede Regierung autonom entscheidet. Der Kommissar betonte: „Dies ist nicht mein Auftrag.“ Nach seiner Ansicht werden nicht alle AKW den Test bestehen. Auf die Frage, ob ältere abgeschaltet werden müssten, sagte Oettinger: „Die Politik muss sich im Augenblick zurückhalten und abwarten, was zum Jahresende herauskommt.“ Zu den Testkriterien gehören Erdbeben und Überschwemmungen, die im japanischen Fukushima den Nuklearunfall ausgelöst hatten, sowie Kälteeinbrüche oder Hitzewellen. Aber auch vom Menschen verursachte Katastrophen wie ein Flugzeugabsturz oder ein Tankschiffunfall sind eingeschlossen – egal ob der Unfall durch Unachtsamkeit oder von Terroristen ausgelöst wurde. „Mir war wichtig, dass der Mensch bei unseren Tests nicht außen vor bleibt“, sagte Oettinger. Analysiert werden etwa die Notstromversorgung und die Kühlsysteme, die im japanischen Kraftwerk Fukushima versagten.Für die Glaubwürdigkeit werden die Ergebnisse in drei Stufen ausgewertet: Zunächst führen die Kraftwerksbetreiber den Test durch, danach kontrollieren nationale Behörden und schließlich Experten aus anderen Staaten die Ergebnisse.Umweltschützer und EU-Parlamentarier kritisieren, dass die Tests nicht hart genug seien. Die Linke im Parlament monierte den fehlenden automatischen Abschaltmechanismus. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace verlangte Nachbesserungen: „Die Tests werden nicht unabhängig sein, sie werden keine Notfallpläne umfassen und uns nichts darüber sagen, ob die Kraftwerke terroristischen Attacken standhalten könnten“, sagte Greenpeace-Experte Jan Haverkamp.Die 14 EU-Staaten mit AtomkraftwerkenIn der EU setzen derzeit 14 der 27 Mitgliedstaaten auf Kernenergie. Insgesamt gibt es 143 Reaktoren, einige davon stehen in erdbebengefährdeten Gebieten. Die meisten Meiler gibt es in Frankreich (58) und Großbritannien (19).In Deutschland sind es 17 Reaktoren, nach der Katastrophe im japanischen Fukushima im März wurden davon sieben abgeschaltet. Die übrigen Reaktoren in der Europäischen Union stehen in Schweden (10), Spanien (8), Belgien (7), Tschechien (6), Finnland (4), Ungarn (4), der Slowakei (4), Bulgarien (2), Rumänien (2), Slowenien (1) und den Niederlanden (1). Polen hat Pläne zum Bau von Anlagen. dpa