<b>Von Christoph Höllrigl</b><b><BR /><BR />Vor einem Jahr haben Sie im Interview gesagt: „Die Russen werden diesen Krieg verlieren“. Nun sieht die Lage anders aus. Warum?</b><BR />Thomas C. Theiner: (seufzt tief) Die Ukrainer sind komplett abhängig von Waffenlieferungen aus dem Westen. Die Europäer haben geschlafen, nicht in die Rüstungsindustrie investiert und immer darauf vertraut, dass die Amerikaner liefern. Nun blockieren aber die Republikaner in den USA jede weitere Hilfslieferung an die Ukraine. Der Grund: Donald Trump hasst die Ukraine und liebt Putin. Zur Erinnerung: Bei der Präsidentenwahl 2016 hat Putin massiv in den US-Wahlkampf eingegriffen. Seine Leute haben Hillary Clintons Kampagne gehackt und interne E-Mails veröffentlicht. Am Ende hat Clinton knapp verloren. Trump denkt also: Putin hat mich damals zum Präsidenten gemacht. Außerdem denkt er: Wegen Selenskyj habe ich die Wahl 2020 verloren; Trump hatte Selenskyj ja damals gedrängt, Korruptionsermittlungen gegen Joe Biden einzuleiten. Selenskyj hat aber Nein gesagt. Nun will Trump die Wahl im Herbst gewinnen und denkt: Wenn ich Putin zeige, dass ich ein „Braver“ bin, hilft er mir wieder im Wahlkampf. Deshalb blockiert er bzw. der Sprecher des Repräsentantenhauses, Mike Johnson, derzeit aus niederträchtigsten Gründen das Hilfspaket für die Ukraine.<BR /><BR /><b>Die Europäer reiben sich hingegen verdutzt die Augen und stellen fest, dass sie die Lage letzthin komplett unterschätzt haben, oder?</b><BR />Ja, die Europäer wachen gerade panisch auf und fangen an, im Ausland Munition zu kaufen. Denn ohne Unterstützung der Amerikaner sind die Europäer nicht dazu in der Lage, die Russen aufzuhalten. Es gibt in Europa jetzt zwei Gruppen von Ländern: Die einen haben verstanden, dass man sich auf die Amerikaner nicht verlassen kann und dass es zu einer Katastrophe für Europa wird, wenn die Ukrainer den Krieg verlieren – nicht nur, weil dann Abermillionen Flüchtlinge kommen, sondern auch, weil die Russen dann nicht stoppen werden. Das sind Länder wie Frankreich, England, Niederlande, Belgien, skandinavische und osteuropäische Länder. Deutschland, Österreich und Italien haben die Situation aber offenbar immer noch nicht verstanden.<BR /><BR /><b>Es bräuchte also eine massive Steigerung der Rüstungsausgaben?</b><BR />Allerdings! Die Europäer eiern immer noch herum, wenn es darum geht, zwei Prozent des Bruttosozialproduktes für Rüstung auszugeben. Im Kalten Krieg haben europäische Länder meist um die fünf Prozent für die Verteidigung ausgegeben. Die Russen sind derzeit bei 40 Prozent! Das sind Dimensionen wie im Zweiten Weltkrieg, als etwa die Briten bei über 50 Prozent lagen. Zudem holen die Russen jetzt ihr altes Material aus Sowjetzeiten aus den Depots. Putin hat also sehr viel Material für die nächsten ein bis eineinhalb Jahre. In dieser Zeit hofft er, dass die Ukraine ausblutet.<BR /><BR /><b>Der französische Präsident Emmanuel Macron hat letzthin einen Vorstoß gewagt und gesagt, der Einsatz von NATO-Bodentruppen sei nicht ausgeschlossen. Wie bewerten Sie das?</b><BR />Es ging Macron darum, den Russen zu signalisieren, dass Europa einen Sieg Russlands nicht akzeptiert. Er hat verstanden, dass man eine größere Drohgebärde aufbauen muss, denn Putin hat überhaupt keine Angst mehr. Die Russen greifen die ukrainische Hauptstadt fast jede Nacht an. Nur die Patriot-Abwehrsysteme der Amerikaner schützen die Bevölkerung noch. Falls aber die Amerikaner aufhören Patriot-Raketen zu liefern, ist es schnell vorbei und die Russen werden die Stadt zerstören wie bereits Dutzende anderer ukrainischer Städte.<BR /><BR /><b>Und die Franzosen?</b><BR />Die französische Luftwaffe fliegt alle zwei Monate einen Testangriff über dem Mittelmeer. Sie sagen nicht genau, was sie machen. Sie fliegen aber genau die Distanz von ihren Atomwaffendepots nach Moskau und zurück. Die Franzosen trainieren praktisch den Einsatz von taktischen Atomwaffen gegen Russland. Sie haben auch – als einzige in Europa – die komplette Mischung von taktischen bis strategischen Atomwaffen. Insofern kann Macron auch als einziger Putin unverhohlen drohen.<BR /><BR /><b>Putin hat im Gegenzug in seiner Rede zur Lage der Nation vor einigen Tagen wieder von Atomwaffen gesprochen. Also, dass sie eingesetzt werden könnten, wenn Bodentruppen entsendet werden. Was ist davon zu halten?</b><BR />Wir haben es in Russland mit einer faschistischen Diktatur zu tun, dessen Führer den Verstand verloren hat. Putin hat in seiner Rede komplett realitätsfernes Zeug geredet – eben auch über Atomwaffen. Er spricht mittlerweile auch nicht mehr von der NATO-Expansion als Grund für den Angriff, sondern davon, dass es darum geht, Land zu erobern. Will heißen: Wenn die Russen in der Ukraine gewinnen, werden sie nicht aufhören, bis ganz Osteuropa in Flammen ist. Dann gibt es in Westeuropa Millionen Flüchtlinge und unsere Jugend muss in den nächsten Jahren gegen die Russen kämpfen. Jetzt gibt es noch die Chance, die Russen in der Ukraine zu besiegen, aber dazu müssen die Europäer endlich Waffen produzieren. <BR /><BR /><b>Die übergeordnete Frage in Sachen NATO ist doch, ob es sie in dieser Form künftig noch geben wird, oder ob sie nach der US-Wahl zerfällt?</b><BR />Wenn Donald Trump US-Präsident wird, kann man die NATO vergessen! Im Kalten Krieg war eine sofortige militärische Reaktion möglich, hätte jemand NATO-Territorium angegriffen. Heute gibt es zuerst einen politischen Prozess, bevor es zu militärischen Aktionen kommt – und Trump kann diesen Prozess blockieren und sabotieren. Er wird sich weigern, die Ukraine weiter zu unterstützen. Und: Würde ein NATO-Mitglied angegriffen, müssten konkret alle Länder zustimmen bzw. sagen, welche Hilfe sie zur Verfügung stellen. Trump wird sagen: Gar nichts!<BR /><BR /><b>Putin setzt also darauf, dass Trump wieder Präsident wird?</b><BR />Ja, und die Russen werden garantiert wieder massiv in den US-Wahlkampf eingreifen, mit dem Ziel, Trump zum Präsidenten zu machen und dadurch Putin freie Hand in Europa zu geben. So wie die Russen auch massiv versuchen, in Europa die Gesellschaft zu spalten, indem sie die extreme Rechte und extreme Linke fördern.<BR /><BR /><b>Ist es hingegen vorstellbar, dass es unter einem US-Präsidenten Trump zu einer Drohung an Putin kommt – immerhin behauptete Trump, er könne den Krieg in kurzer Zeit beenden?</b><BR />Das kann ich mir kaum vorstellen. Eher kann es sein, dass Trump Selenskyj unter Druck setzt. Aber die Ukrainer werden nicht aufhören zu kämpfen. Die Europäer müssen sich auf jeden Fall warm anziehen.<BR /><BR /><h3> Zur Person</h3>Thomas C. Theiner (46) stammt aus Meran. Nach der Matura studierte er in San Francisco (USA) Film. Während des anschließenden Wehrdienstes (Korpskommando in Bozen) entdeckte er sein großes Interesse an Militärgeschichte. Danach studierte er in Innsbruck Geschichte. 2009 wurde Theiner über Studienfreunde in Innsbruck für eine TV-Produktionsfirma in der Ukraine angeworben, die aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen des Landes hervorgegangen war. So zog er in die ukrainische Hauptstadt und arbeitete fortan im Bereich internationale Geschäftsanbahnung. Nach „Euromaidan“, den Protesten von 2013/14 mit über 100 Todesopfern, an deren Ende Präsident Wiktor Janukowytsch abgesetzt wurde, kehrte er nach Südtirol zurück. Später lebte Theiner u.a. in England. Seit 2020 arbeitet er mit ukrainischen Kollegen hauptsächlich an Dokumentationen. Sein Interesse für militärische Themen verlor Theiner indes nie aus den Augen und pflegte seine Kontakte zu verschiedenen Streitkräften. Auf der Online-Plattform „X“ schreibt er intensiv über militärische Entwicklungen im Krieg (@noclador). Mittlerweile folgen ihm über 110.000 Menschen. Aktuell arbeitet Theiner an zwei Dokumentarfilm-Projekten. <BR />