Die beiden größten Parteien im Europaparlament, die konservative Europäische Volkspartei (EVP) und die Sozialdemokratische Partei Europas (SPE), aber auch die Liberalen und Grünen, wollen jeweils einen EU-weiten Spitzenkandidaten ins Rennen schicken. Dieser soll gleichzeitig der Kandidat für die Nachfolge des heutigen Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso sein.Damit sollen die europäischen Wähler im Frühsommer 2014 erstmals entscheiden können, wer die Weichen für die künftige Politik in Europa stellt.Europawahl muss ab sofort berücksichtigt werdenBisher war diese Entscheidung ein Privileg der Staats- und Regierungschefs, die sich hinter verschlossenen Türen auf einen Namen einigten. Und oft, meinen zumindest Kritiker, suchten sie für den Brüsseler Spitzenjob einen Kandidaten aus, von dem sie nicht allzuviel Ärger zu befürchten hatten.Doch nun gilt der EU-Reformvertrag von Lissabon und dieser verpflichtet die Regierenden in den Hauptstädten, bei der Ernennung des Kommissionspräsidenten das Ergebnis der Europawahl zu berücksichtigen.Und darauf will das Europaparlament pochen. Ohne dessen Zustimmung könne die nächste Kommission nicht ernannt werden, betont Hannes Swoboda, Vorsitzender der sozialdemokratischen Fraktion. Notfalls werde die EU-Volksvertretung von ihren „Blockaderecht“ Gebrauch machen.Die nächste Europawahl werde damit einen „anderen Charakter“ bekommen, meint der CSU-Europaabgeordnete Manfred Weber. Erstmals könne der Bürger mit seinem Stimmzettel auch den „Regierungschef Europas“ mitbestimmen.Und damit werde es erstmals „wirklich eine Europa-Wahl geben“ und nicht nur „einzelne nationale Abstimmungen“. Zu Berichten, wonach der polnische Regierungschef Donald Tusk möglicherweise von der EVP zum Spitzenkandiaten gekürt wird, wollte Weber nicht Stellung nehmen. Derzeit kursierten „viele Namen“, sagte er.Bei der SPE soll im Oktober kommenden Jahres mit der Auswahl möglicher Bewerber begonnen werden. Die besten Chancen werden dem heutigen Parlamentspräsidenten Martin Schulz (SPD) eingeräumt.Für ihn spreche, dass er in der EU relativ bekannt sei und mehrere Sprachen beherrsche, meint Swoboda. Schulz, der dem Parlament seit 1994 angehört, kenne zudem das Räderwerk der EU ganz genau.„Europa braucht Gesichter, Leitfiguren“EU-weite Spitzenkandidaten würden gleich „mehrere Effekte“ haben, erläutert der Spezialist für Europapolitik bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Kai-Olaf Lang. Zum einen würden sie die Wahl „personalisieren“ und sichtbarer machen. „Europa braucht Gesichter, Leitfiguren“.Auch sei eine stärkere politische Polarisierung zu erwarten, für die Bürger werde die Alternative dadurch klarer. Schließlich werde das viel kritisierte Legitimitätsdefizit abgebaut, wenn die Wähler mit ihrem Votum zugleich den Kommissionspräsidenten bestimmten.Allerdings bleibe die Frage, ob sich etwa ein Pole in Deutschland durchsetzen könne oder ein Deutscher in Italien und Griechenland, sagt Lang.Auch müssten die Wähler für ein europäisches Wahlprogramm gewonnen werden. Bisher seien die Europawahlen meist von nationalen Themen bestimmt gewesen. Die Parteien müssten zudem Bewerber finden, die in anderen Ländern Wahlkampf machen können.Eine andere Frage ist, wie Staats- und Regierungschefs reagieren, wenn ihnen durch das Wahlergebnis ein Kommissionspräsident aufgedrängt werden soll. Widerstände dagegen zeichnen sich bereits ab. In dem kürzlich veröffentlichten Arbeitspapier der „Zukunftsgruppe“ aus elf Außenministern wird zwar ein Kommissionspräsident angeregt, der aus einer „direkten Wahl hervorgeht“.Diese Idee teilten allerdings nur „einige Mitglieder der Gruppe“, heißt es in dem Dokumentafp