Mittwoch, 09. Juni 2021

EZB berät am Donnerstag über zukünftige Geldpolitik

Steigende Inflation und wachsende Wirtschaft: Mit Spannung wird das Treffen des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag erwartet. Die große Frage lautet, wann sich das 25-köpfige Gremium dazu entscheidet, die massiven finanziellen Corona-Hilfsmaßnahmen der EZB zurückzufahren. Ein Drahtseilakt: zu früh, und der wirtschaftliche Aufschwung könnte unterbrochen werden, zu spät, und die Inflation könnte außer Kontrolle geraten, die Wirtschaft womöglich überhitzen.

Mit Spannung wird das Treffen des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag erwartet.
Mit Spannung wird das Treffen des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag erwartet. - Foto: © APA/dpa / Karl-Josef Hildenbrand
Vorerst wird zwar erwartet, dass die EZB den Leitzins weiter bei historisch niedrigen null Prozent belässt. Auch mit einer Fortsetzung der umfangreichen Anleihekaufprogramme, wie beispielsweise dem Krisenprogramm Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP), wird gerechnet.

Doch mit steigenden Impfraten und mehr Öffnungen in der Wirtschaft verbessern sich auch die Konjunkturaussichten in den EU-Ländern. Beobachter warten also gespannt auf Hinweise, wann die EZB mit dem sogenannten Tapering, dem Zurückfahren der krisenbedingten Anleihekaufprogramme, beginnen wird.

1,85 Billionen Euro schießt die EZB mit ihrem PEPP-Programm in die europäische Wirtschaft, bis März 2022 soll das Corona-Krisenprogramm laufen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde wird laut Beobachtern am Donnerstag wohl den Ausgleich zwischen Zuversicht bezüglich der wirtschaftlichen Entwicklung und Mahnungen zur Vorsicht und einer Fortsetzung der Unterstützungsmaßnahmen suchen.

„Das T-Wort“, Tapering, wird Lagarde aber wohl vermeiden wollen, sagt der Ökonom der ING-Bank Carsten Brzeski. Die ökonomische Entwicklung würde eine erste Diskussion über Tapering zwar rechtfertigen. Doch könne „allein die Erwähnung der Debatte die Zinsen für Anleihen nach oben treiben und so die wirtschaftliche Erholung untergraben“, sagt Brzeski.

Die Anleihekaufprogramme der EZB und der Zentralbanken haben zum Ziel, Zinsen niedrig zu halten, das Leihen von Geld somit billiger zu machen und damit einen Anreiz für Ausgaben und Investitionen zu setzen. Neben PEPP kauft die EZB monatlich Firmen- und Staatsanleihen im Wert von 20 Milliarden Euro – ein Anleihekaufprogramm aus Vor-Pandemiezeiten, das ebenfalls auf mehr Wachstum und höhere Inflation abzielt.

Inflation auf unter, aber nahe 2 Prozent halten


Ein weiteres Instrument der EZB: Extrem günstige Kredite an Banken und ein negativer Bankeinlagesatz von minus 0,5 Prozent. Banken zahlen also Geld an die EZB, um ihr Geld dort einzulagern.

Das Ziel dieser geldpolitischen Maßnahmen ist es, die Inflation auf „unter, aber nahe 2 Prozent zu halten“. Doch die Verbraucherpreise stiegen zuletzt stark an, in Deutschland legt die Inflationsrate seit Jahresbeginn zu. Im Vergleich zum Vorjahresmonat betrug sie im Mai laut Statistischem Bundesamt 2,5 Prozent.

Verantwortlich sind hierfür vor allem höhere Preise für Energie wie Kraftstoffe, hier war der Preisanstieg mit 10 Prozent besonders stark. In den 19 Euro-Staaten erreichte die Inflation die Grenze von 2 Prozent im Mai, das höchste Niveau seit rund 3 Jahren.

Die EZB verweist auf die Kerninflation, in die Energie- und Nahrungsmittelpreise nicht eingerechnet werden und die sich weiter verhalten entwickelt. Lagarde sagte zu, dass die EZB weiter geldpolitisch unterstützen werde, bei der steigenden Inflation handle es sich voraussichtlich um ein kurzfristiges Phänomen.

Der Finanz-Experte am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, Friedrich Heinemann, erklärte am Mittwoch, dass die aktuelle Geldpolitik keinen Einfluss auf die aktuellen Hindernisse für eine rasche Erholung der Wirtschaft habe. Diese seien insbesondere der Mangel an Produktionsstoffen, wie Mikrochips und Holz.

Heinemann verwies außerdem auf die mittlerweile erfolgreiche Ratifizierung des 750 Milliarden Euro schweren Corona-Pakets der EU in allen EU-Mitgliedstaaten. „Damit sinkt ein Stück weit die Abhängigkeit der Finanzminister von der Unterstützung der EZB“, erklärte er.

Auch deshalb sei der Zeitpunkt günstig, jetzt erste Signale für einen Ausstieg aus den „auf Dauer hochgradig problematischen Staatsanleihekäufen durch das Eurosystem zu setzen“, erklärte er. Heinemann zeigte sich aber zugleich skeptisch, dass es bereits am Donnerstag zu einer entsprechenden Einigung kommen könne.
(Schluss) tsk/kmh

dpa

Alle Meldungen zu: