Sonntag, 10. April 2022

EZB in Zeiten des Ukraine-Krieges auf dem Weg zur Zinswende

Angesichts der vom Ukraine-Krieg stark befeuerten Inflation gerät die Europäische Zentralbank (EZB) unter Druck, sich auf den Weg zur Zinswende zu machen. Während die US-Notenbank Feddiese schon vollzogen hat und nachlegen will, bleiben die Währungshüter in Frankfurt bei der EZB-Ratssitzung am Donnerstag voraussichtlich in Wartestellung. Sie planen als Vorstufe einer Zinswende das Ende ihrer milliardenschweren Anleihenkäufe möglichst noch im Sommer.

Die EZB trifft sich am 14. April zu ihrer nächsten Sitzung.. - Foto: © APA/AFP / DANIEL ROLAND

Doch plädiert Chefvolkswirt Philip Lane wegen einer drohenden Konjunkturflaute dafür, auf die Rekord-Inflation im Euroraum nicht überhastet zu reagieren. „Die EZB befindet sich in einer Zwickmühle. Sie muss die steigende Inflation mit den Abwärtsrisiken für das Wachstum in Einklang bringen, während die wirtschaftlichen Unsicherheiten aufgrund der brutalen russischen Invasion in der Ukraine und der EU-Sanktionen hoch bleiben“, so Ökonom Pietro Baffico vom Asset-Manager abrdn.

In einer Reuters-Umfrage erwartet die Mehrheit der Ökonomen, dass die Zinserhöhung erst im Herbst kommen wird, einige rechnen jedoch bereits im Sommer damit.

Zuvor müssten dann aber die Anleihenkäufe auslaufen: Der niederländische Notenbankchef Klaas Knot ist dafür, das Volumen der Zukäufe im Rahmen des Bondprogramms APP im Juli auf 10 Milliarden Euro zu begrenzen und sie Ende Juli einzustellen. Eine Zinserhöhung im vierten Quartal sei „eine realistische Erwartung“.

Neue Inflationsära

Die als Denkschmiede der Geldpolitik bekannte Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel sieht weltweit eine „neue Inflationsära“ heraufziehen. BIZ-Generaldirektor Agustin Carstens mahnt die Währungshüter, die Zügel anzuziehen. Die jüngst positiv auf Corona getestete EZB-Chefin Christine Lagarde lässt sich beim Zeitpunkt für die Zinswende nicht in die Karten blicken, während einzelne Währungshüter laut über eine Erhöhung im September nachdenken.

Deutsche-Bundesbank-Chef Joachim Nagel spricht davon, dass Sparer sich wohl bald wieder über höhere Zinsen freuen könnten.
Nicht nur viele Sparer, die als Bankkunden mittlerweile bei höheren Einlagebeträgen vielfach sogenannte Verwahrentgelte berappen müssen, dürften die Erhöhung herbeisehnen. Auch die Bankenbranche – allen voran der deutsche Privatbankenverband BdB – dringt darauf, die Negativzinspolitik in absehbarer Zeit zu beenden.

Zudem wettern Versicherer seit Jahren gegen die ultralockere Linie. Talanx-Finanzvorstand Jan Wicke reiht sich in den Chor ein: „Alle sehen es eigentlich, dass wir eine hohe Inflation haben. Jeder fragt sich, wann die EZB handelt. Die EZB ist ein Stück hinter der Kurve und das ist nicht gut.“

Seiner Meinung nach sollte die EZB die Expansion der Bilanz sofort stoppen: In einem zweiten Schritt könne der negative Einlagezins für die Banken dann auf null gesetzt werden. Dieser liegt seit Jahren bei minus 0,5 Prozent, während auch der Leitzins auf dem Rekordtief von 0 Prozent verharrt.

Die Folgen des Ukraine-Krieges erschweren die Entscheidung

Der EZB-Rat hält sich die Tür für eine Erhöhung offen. Er stehe bereit, „alle seine Instrumente“ bei Bedarf anzupassen. Damit will er sicherstellen, dass sich die Inflation mittelfristig bei der Marke von 2 Prozent stabilisiert. Zuletzt war die Teuerung mit 7,5 Prozent aber weit über den Zielwert hinausgeschossen.

Die Folgen des Ukraine-Krieges erschweren zugleich die Entscheidungsfindung der EZB. Die hohen Energiepreise und die weitreichenden westlichen Sanktionen gegen Russland lasten auf dem Wachstum. Laut EZB-Vizechef Luis de Guindos steht der Eurozone auf kurze Sicht eine Konjunkturflaute ins Haus.

Auch wenn höhere Leitzinsen offenbar noch einige Zeit auf sich warten lassen, könnte die EZB nach Einschätzung von Commerzbank-Ökonom Michael Schubert an einer anderen Stellschraube drehen – und zwar beim sogenannten Staffelzins: Dieser soll Nebenwirkungen der Strafzinsen für Banken mildern.

Schubert verweist darauf, dass die EZB im Dezember avisiert habe, dass der Rat „die angemessene Kalibrierung seines zweistufigen Systems für die Verzinsung von Reserveguthaben prüfen“ werde. „Unseres Erachtens könnte die Notenbank beschließen, den Teil der Überschussreserven zu erhöhen, der von der Verzinsung zum geltenden Einlagesatz befreit ist“, so Schubert. Die EZB hatte noch unter dem damaligen Präsidenten Mario Draghi 2019 den Einlagesatz auf minus 0,5 Prozent gesenkt und zugleich das zweistufige System beim Staffelzins eingeführt.

apa/reuters

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