<BR />Sieben Stunden Debatte waren nötig, um den Faschismus und andere Totalitarismen einstimmig zu verurteilen: Schlussendlich wurde der Beschlussantrag der Süd-Tiroler Freiheit am Mittwoch angenommen. Damit hat sich der Regionalrat auch dazu verpflichtet, sämtliche faschistische Ehrenbürgerschaften und Straßennamen zu widerrufen – davon gibt es heutzutage noch zur Genüge. Ein aktuelles Beispiel ist die Ehrenbürgerschaft von Diktator Benito Mussolini in der Stadt Trient, deren Widerruf kürzlich im Stadtrat gescheitert ist.<BR /><BR />Auch auf Südtiroler Boden gibt es zahlreiche Überbleibsel aus der Faschistenzeit. Etwa der Name der Amba-Alagi-Straße in Bozen. Ausgerechnet jene Straße, in der sich die deutsche Bildungsdirektion befindet, erinnert seit jeher an einen Vernichtungskrieg, den das faschistische Italien in Ostafrika führte. Schon seit längerer Zeit setzt sich Bildungslandesrat Philipp Achammer daher für eine Namensänderung der Straße ein. <BR /><BR />Er wurde dafür bereits bei Bozens Bürgermeister Claudio Corrarati vorstellig. Sein Vorschlag: Man sollte die Straße nach Josef Ferrari, dem ersten Schulamtsleiter für deutsche Sprache nach dem Zweiten Weltkrieg, benennen. „Der Vorschlag wurde vorerst abgelehnt“, sagt Achammer. Schließlich sei der bürokratische Aufwand riesig: etwa müssten zahlreiche Bürgerinnen und Bürger ihre Adresse ändern.<BR /><BR />Darum macht sich Achammer nun für eine andere Idee stark: „Eine angemessene Historisierung der Straße wäre das Minimum. Dagegen dürfte sich niemand aussprechen“, meint Achammer. Konkret bedeutet das, für die Bedeutung des Namens „Amba Alagi“ zu sensibilisieren: etwa indem man entlang der Straße verschiedene Informationstafeln anbringt, die die historischen Ereignisse aufarbeiten. Ein Konzept, das sich auch auf andere historische Schauplätze anwenden lässt bzw. bereits angewandt wird – Stichwort Siegesdenkmal. Achammer empfiehlt die Ausschreibung eines Wettbewerbs gemeinsam mit dem Künstlerbund. <h3> Ergebnisse der Studie im nächsten Jahr</h3>Bürgermeister Corrarati lehnt die Umbenennung der Amba-Alagi-Straße nicht nur aus bürokratischen Gründen ab, sondern vor allem aus folgendem Grund: „Den Namen nur zu löschen, greift zu kurz. Das bedeutet, ihn zu vergessen“, betont er. Daher spricht er sich für die zweite Variante aus: eine Historisierung, um auf die Schatten der Vergangenheit aufmerksam zu machen. Allerdings gelte es, die Studie abzuwarten, die derzeit am Zentrum für Regionalgeschichte durchgeführt wird. Anschließend könne man – auch in Zusammenarbeit mit dem Land – ein einheitliches Konzept für ganz Bozen und seine historisch belasteten Schauplätze ausarbeiten.<BR /><BR />Für die Durchführung besagter Studie ist Historiker Stefan Lechner verantwortlich. Wie er den „Dolomiten“ berichtet, befindet sich die Erhebung der historisch belasteten Straßennamen auf einem guten Stand (siehe nebenstehendes Interview). Dabei liegt der Fokus nicht allein auf dem Faschismus, sondern auf sämtlichen Totalitarismen: vom Kolonialismus bis zum Nationalsozialismus. <BR /><BR />Die Ergebnisse der Studie werden für kommendes Jahr erwartet. Was sich jetzt schon zeigt: Besonders betroffen sind die Städte und der Großteil der historisch belasteten Namen wurde seltsamerweise erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergeben. Lechner zeigt sich überzeugt, dass die Studie ein wichtiges Fundament für die Umsetzung des Beschlusses der Region darstellt.<BR /><BR />Indes wollen auch Gemeindenchef Dominik Oberstaller und Franz Locher, Regionalassessor für Gemeinden, auf die Ergebnisse der Studie warten. Sobald diese vorliegen, können die Gemeinden über konkrete Schritte entscheiden. Die endgültige Abschaffung von Straßennamen, aber auch der Widerruf von Ehrenbürgerschaften, muss schließlich auf Gemeindeebene durchgesetzt werden.<h3> Fünf Fragen an den Studienleiter </h3><Frage> Herr Lechner, Sie erfassen historisch belastete Straßennamen in Südtirol... Wie gehen Sie vor?</Frage><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Stefan Lechner: Nicht nur Namen von Straßen, sondern auch von öffentlichen Plätzen und Gebäuden. Dafür hat uns der Gemeindenverband ein Verzeichnis mit allen nötigen Daten zur Verfügung gestellt – insgesamt gibt es in Südtirol rund 6.500 Straßennamen. Diese gehen wir Schritt für Schritt durch. <BR /><BR /><Frage>Klingt nach jeder Menge Arbeit...</Frage><BR />Lechner: Viele Namen lassen sich bereits im Vorfeld ausschließen. Erweckt ein Name Verdacht, nehmen wir ihn genauer unter die Lupe und überprüfen die historische Person oder das Ereignis.<BR /><BR /><Frage>Welche Gemeinden sind besonders betroffen?</Frage><BR />Lechner: In erster Linie die Städte. Was noch auffällt: Viele Straßen wurden erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs benannt. So auch die Amba-Alagi-Straße in Bozen im Jahr 1953.<BR /><Frage><BR />Wie kann das sein? </Frage><BR />Lechner: Ereignisse wurden damals anders bewertet als heute, bei Personen war vielleicht nur ein Teil ihrer Vergangenheit bekannt. <BR /><BR /><Frage>Wie weit ist die Studie?</Frage><BR />Lechner: Wir arbeiten seit eineinhalb Jahren daran und sind auf einem guten Weg. Nächstes Jahr werden die Ergebnisse präsentiert.