Die Politik verträgt mehr Wissenschaft und weniger Populismus. Außerdem muss ein Politiker auch imstande sein, Macht abzugehen. Davon ist der gebürtige Feldthurner Florian Gasser – seit dem Vorjahr als erster Südtiroler die Nummer 2 der Jungen Europäischen Volkspartei (YEPP) – überzeugt. Ein Gespräch. <BR /><BR />„Der muss studieren“, hieß es, als der heute 34-jährige Florian Gasser schon als Schüler auffiel. An der Universität Innsbruck legte Gasser den Grundstein für seine wissenschaftliche Karriere (siehe Infokasten). Heute ist er unter anderem Dozent an der renommierten Wirtschaftsuniversität St. Gallen in der Schweiz und an der Uni Bozen sowie ist seit Sommer 2023 Vizepräsident der Jungen Europäischen Volkspartei (YEPP). Auch abseits der politischen Bühne macht Gasser von sich reden – vergangene Woche erhielt seine Dissertation auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin den Wissenschaftspreis 2024. Viel Zeit zum Feiern hatte Gasser nicht, denn er musste als Delegierter zum Kongress der Europäischen Volkspartei direkt weiter nach Bukarest. Für ein Interview erreichten wir Gasser nun diese Woche in St. Gallen. <BR /><BR /><b>Herr Gasser, Sie sind derzeit viel unterwegs. Sie sind in Feldthurns aufgewachsen – in einer Familie, in der Politik und Wissenschaft keine große Rolle spielen. Woher kommt Ihr Interesse?</b><BR /><BR />Florian Gasser: Was passiert warum und wer macht die Regeln? Diese Frage hat mich schon in der Oberschule fasziniert. Von daher war der Weg an die Universität für mich klar, wenn auch nicht selbstverständlich. In meinem Umfeld bin ich der Einzige, der eine akademische Laufbahn eingeschlagen hat. Meine Mutter hat mich dabei stets unterstützt – was aufgrund der Startbedingungen einer Arbeiterfamilie ohne Universitätsbezug nicht immer einfach war. <BR /><b><BR />In Ihrer Doktorarbeit geht es um den Einfluss von Social Media und Influencern auf das Kaufverhalten von Touristen. Kein politisches Thema ...</b><BR /><BR />Gasser: Ich bin ein interdisziplinärer Mensch, was mich stets interessiert, ist das menschliche Verhalten – außerdem gibt es in diesem Bereich eine große Forschungslücke. <BR /><BR /><b>Wenn man sich Ihren bisherigen Werdegang anschaut, wird deutlich, dass Sie neben der Wissenschaft auch eine politische Karriere anstreben. Passt das zusammen?</b><BR /><BR />Gasser: Ja, durchaus. Die Politik braucht mehr Fakten und weniger Populismus. Natürlich ist es einfacher, auf komplexe Fragen schnelle Antworten zu geben. Aber es muss uns gelingen, mit den Menschen auf Augenhöhe und in ihrer Sprache zu sprechen – ohne schwierige Inhalte zu verwässern. Zusätzlich braucht es weniger einseitigen Lobbyismus in der Politik.<BR /><BR /><b>Die politische Weltlage ist alles andere als stabil, die EU verliert an Gewicht. Beunruhigt Sie das als junger Politiker?</b><BR /><BR />Gasser: Uns muss bewusst sein, dass wir nur gemeinsam als EU eine Chance haben, auf der Weltbühne eine Rolle zu spielen. Wenn sich die EU in zentralen Fragen einig ist, dann haben wir als eine der stärksten Wirtschaftsunionen der Welt ein großes Potenzial und werden nicht zum Spielball der anderen werden. Da bin ich durchaus optimistisch. <BR /><BR /><b>Die überall sinkende Wahlbeteiligung zeigt: Politik zieht nicht mehr, die EU wird als bürokratisches Monster wahrgenommen. Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?</b><BR /><BR />Gasser: Die EU ist das Beste, was uns passieren konnte. Das dürfen wir gerade auch in Südtirol nie vergessen. Natürlich gibt es bei der Bürokratie noch viel zu tun, und wir müssen unbedingt das Vetorecht einzelner Mitgliedstaaten überdenken. Es kann nicht sein, dass ein Staat alles blockieren kann – dann ist das Projekt EU irgendwann gescheitert. Zur Politikverdrossenheit: Das ist der Hauptgrund, warum ich Politik machen möchte: Ich finde es nicht richtig, wenn Politik und Politiker nur negativ wahrgenommen werden - auch wenn es manchmal berechtigt ist. Mein Credo ist: Es geht auch anders. Mit Einsatz und Leistung für die Sache. <BR /><BR /><b>Der Blick von außen auf Politik lässt vor allem interne Machtkämpfe vermuten. Oder täuscht dies?</b><BR /><BR />Gasser: Leider geht es häufig um Macht und Machterhalt. Ich bin überzeugt: Man muss Macht abgeben können. Wir brauchen stete Veränderung durch Menschen, die den Biss für etwas Neues mitbringen. <BR /><BR /><b>Und Sie, wo sehen Sie sich in 5 Jahren?</b><BR /><BR />Gasser: In 5 Jahren finden wiederum Wahlen zum Europäischen Parlament statt. Theoretisch bin ich bereit mich für eine faktenbasiertere und ausgleichendere Politik einzusetzen.-aber wie gesagt, dass ist immer eine Wahl, das hängt nicht allein von mir ab. <BR /><BR /><b>Verfolgen Sie die politischen Entwicklung in Südtirol?</b><BR /><BR />Gasser: Ja, auf alle Fälle. Zuletzt gab es da einiges, bei dem mir auch als Wissenschaftler das Herz geblutet hat. Es ging zu sehr um Einzelinteressen und zu wenig um die Menschen im Land. Ich hoffe, dass wir das hinter uns haben.<BR />