Freitag, 29. Juli 2016

Flüchtlinge: „Wir Gadertaler schaffen das“

Die Flüchtlingsdebatte wird in Südtirol genauso wie in anderen europäischen Regionen geführt: der Freiwilligeneinsatz wird gelobt, über „Obergrenzen“ debattiert, Vergleiche werden angestellt, Ängste artikuliert und Populismus betrieben. Begriffe wie „Brennerschließung“ oder „Hotel Alpi“ sind zu aktuellen Südtiroler Schlüsselwörtern geworden – seit einigen Tagen ist die Debatte um ein ladinisches Beispiel reicher.

In Lunz (Wengen) werden die Asylbewerber untergebracht werden. - Foto: D
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In Lunz (Wengen) werden die Asylbewerber untergebracht werden. - Foto: D

„Wengen ist nicht anders als andere Gemeinden“, meint der Wengener Bürgermeister Angel Miribung im STOL-Gespräch, „die Stimmung im Dorf ist geteilt, es gibt Befürworter und es gibt Gegner.“

Dass Asylbewerber ins Gadertal kommen würden, das war schon länger bekannt. Auch das Dolomitental soll einen kleinen Teil jener Flüchtlinge aufnehmen, die laut staatlichem Verteilungsschlüssel nach Südtirol kommen sollen oder aber schon hier sind.

Land mietet alte Frühstückspension an

Klar war bis vor kurzem aber nicht, wie viele ins Gadertal kommen sollten – und vor allem wohin. Bürgermeister Angel hatte freilich bereits vor etwa 6 Monaten auf Umwegen erfahren, dass wohl in Wengen die Gadertaler Asylbewerber unterkommen sollten. Privatvermieter hatten ihre Struktur, eine alte Frühstückspension im Wegener Weiler Lunz, dem Land Südtirol als mögliche Flüchtlingsunterkunft angeboten, Land und Vermieter wurden handelseinig.

Vor drei Monaten verhärtete sich das Gerücht und vor drei Wochen teilte die zuständige Landesrätin Martha Stocker schließlich offiziell Zahl und Ort mit: 25 für Wengen.

Anders als etwa in Auer – wo heftige Kritik an der Kommunikationspolitik des Landes laut wurde – fühlt sich Bürgermeister Miribung nicht überrumpelt, das Gadertal habe nun mal auch seinen Teil dieser Pflicht zu erfüllen.

Die Herkunft als große Unbekannte

Bis dato weiß man allerdings noch nicht, aus welchen Krisengebieten die Flüchtlinge kommen werden, ob es nur Männer oder Familien sind. Was man weiß, Mitte September wird es so weit sein. Die Struktur in Lunz braucht dafür baulich nicht adaptiert zu werden, bei einem Lokalaugenschein  –  so der Bürgermeister – habe man ihm gesagt, der Ist-Zustand sei in Ordnung.

Fragt sich eher wie es um den emotionalen Zustand in Wengen bestellt ist. „Ich bin Bürgermeister von allen“, sagt Angel Miribung, „und höre mir beide Seiten an. Ich verstehe auch die Ängste mancher Mitbürger, etwa jene der Nachbarn. Die Suche nach einem ‘Schuldigen’ ist allerdings sinnlos, es gibt keinen ‘Schuldigen‘.“

Aktuelle Geschehnisse verunsichern

Konkrete Gründe für ihre Angst hätten die Bürger allerdings bis dato ihm gegenüber noch nicht nennen können, es sei aber verständlich, dass – mit Blick auf die Geschehnisse etwa in Bayern oder Frankreich – ein Teil der Leute beunruhigt wäre.

„Wir werden aber mit den Ordnungshütern eng zusammenarbeiten und die Sicherheit garantieren, es ist unsere Pflicht Flüchtlinge aufzunehmen, aber es ist vor allem auch unsere Pflicht, unsere Leute im Dorf zu schützen.“

Miribung: „Wir können doch nicht einfach Menschen wegschieben“

Ängste sollten aber keine geschürt werden, man müsse keine Angst haben, wenn man Leuten helfe, schlimmer wäre es, würde man die Menschen abweisen: „Wir können doch nicht einfach Menschen wegschieben, das müssen die Leute einsehen“, appelliert Miribung.

Giacomo Frenademetz: Gegen Rassismus in sozialen Netzwerken

Der Bürgermeister von Abtei, Wengens Nachbargemeinde, Giacomo Frenademetz, findet – bezogen auf einige Angstmacher – noch deutlichere Worte: „Was in den sozialen Netzwerken teilweise vor sich geht, ist nicht mehr normal“, es gehe darum ein Problem zu lösen, Rassismus würde da nicht helfen. Die Gemeinde Abtei werde, so Frenademetz, die Gemeinde Wengen bei ihrer Aufgabe auf alle Fälle unterstützen.

Miribung Angel setzt auf eben diesen Gadertaler Gemeinschaftssinn, der bereits erste Früchte zu tragen scheint.

Gadertaler bilden Netzwerke

Am Freitag trafen die Sozialassessoren der verschiedenen Talgemeinden zusammen und berieten wie man mit der neuen Aufgabe umgehen könne. Der erste Output: Es wurde ein Komitee gegründet, das dafür Sorge tragen soll, dass in jedem Dorf Freiwilligen-Netzwerke gegründet werden, zudem wolle das Komitee, so berichtet Miribung, die Bevölkerung beständig informieren.

Bürgerversammlung am 2. August

Informationen wird es auch bei der Bürgerversammlung am 2. August geben  —  Landesrätin Martha Stocker hat ihre Teilnahme zugesagt – etwa von den Bürgermeistern von St. Ulrich, Innichen und Vintl, die von den Erfahrungen aus ihren Gemeinden berichten werden. Der Wengener Bürgermeister hofft, dass möglichst viele Bürger an der Versammlung teilnehmen werden und „ihre Fragen und Ängste dort artikulieren. Wer Fragen stellt, wird auch Antworten bekommen und vielleicht werden dadurch auch Ängste abgebaut“.

Miribung: „Gemeinsam schaffen wir das!“

Die Leute sollten auf alle Fälle zuversichtlich sein, gemeinsam und mit Hilfe der anderen Gadertaler Gemeinden, würde man mit der neue Herausforderung gut umgehen können, so Angel Miribung, er sei überzeugt, „Wir Gadertaler werden das gemeinsam schaffen!“

stol/aw

stol