Dienstag, 24. November 2015

Flüchtlingsheim: "Vor vollendeten Tatsachen, aber voller Zuversicht"

Keine einfache Situation für den frischgebackenen Bürgermeister von St. Ulrich. Seine Bürger sind ängstlich und aufgebracht, dass in ihrem Dorf nahe der Volksschule eine Flüchtlingsunterkunft entsteht. Dass man auch ihn vor vollendete Tatsachen gestellt hat, ändert nichts an der Sache, dass er sich für eine schnellstmögliche Integration der Asylantragsteller stark macht.

St. Ulrichs Bürgermeister Tobia Moroder muss sich kurz nach seiner Wahl der ersten, großen Herausforderung stellen.
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St. Ulrichs Bürgermeister Tobia Moroder muss sich kurz nach seiner Wahl der ersten, großen Herausforderung stellen. - Foto: © STOL

Südtirol Online: In St. Ulrich sollen 25 Asylantragsteller untergebracht werden - ein Privater stellt das Haus zur Verfügung (STOL hat berichtet). Stimmen diese Informationen und seit wann wissen Sie und die Bevölkerung von dem Vorhaben?
Tobia Moroder, Bürgermeister von St. Ulrich: Diese Information ist korrekt. Vor den Wahlen hatten wir lediglich einige wenige Informationen, wobei viele Punkte noch offen waren. Am Montag nach der Wahl (16. November, Anm. d. Red.) wurde ich dann von der Landesrätin Martha Stocker telefonisch kontaktiert, die mir das Vorhaben des Landes offiziell bestätigt hat. Am vergangenen Donnerstag hat uns dann der Direktor der Abteilung Soziales Luca Critelli detailliertere Informationen geliefert.

STOL: Seit 10 Tagen sind Sie Bürgermeister. Ist dies nach der Wahl Ihre erste große Herausforderung?
Moroder: Absolut, ich hätte nicht damit gerechnet, dass ich mich bereits in der ersten Woche meiner Amtszeit mit einem so heiklen und schwierigen Thema auseinandersetzen müsste. Es ist bedauerlich, dass wir nicht die Zeit hatten, uns mit dem Thema eingehend zu befassen.

STOL: Wurde die Gemeinde in Bezug auf die Unterbringung der Flüchtlinge vor vollendete Tatsachen gestellt oder haben Sie noch ein Mitspracherecht etwa bezogen darauf, ob Familien oder nur junge Männer zu Ihnen kommen?
Moroder: Wir haben mit dem Amtsdirektor Critelli über die verschiedenen Möglichkeiten gesprochen, da die Akzeptanz für Familien vermutlich größer wäre. Tatsache ist, dass unter den zentralafrikanischen Asylantragstellern kaum Frauen und Familien sind.
Und Fakt ist, dass die Gemeinde wenig bis kein Mitspracherecht hat. Ich finde aber, dass sowohl eine Gemeinde als auch die Zivilgesellschaft im Rahmen des Möglichen einen Beitrag zur Lösung des Problems leisten muss. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass die Asylantragsteller ganz normale Menschen sind, die hier einfach eine bessere Zukunft suchen und kein Interesse haben, der einheimischen Bevölkerung etwas anzutun. 

STOL: Können Sie den Unmut Ihrer Bürger verstehen, die sich nicht informiert, überrumpelt und ängstlich fühlen?
Moroder: Den Unmut kann ich auf Grund der mangelnden Information nachvollziehen; nicht nachvollziehen kann ich die zum Teil übertriebene Reaktion. Jeder hat das Recht, die eigene Meinung zu äußern, aber nicht, wenn die Äußerungen gegen die menschliche Würde gehen. Es darf nicht sein, dass die Flüchtlinge noch nicht einmal da sind und auf Grund von Vorurteilen schon als Verbrecher angekreidet werden. 

STOL: Wie gedenkt man die Bevölkerung für das Vorhaben zu gewinnen, das viele auch in Anbetracht der Nähe der Unterkunft zur örtlichen Volksschule ablehnen?
Moroder: Die Gemeinde wird zusammen mit der Provinz am 25. November einen Informationsabend veranstalten, bei dem die Bevölkerung über die reale Situation fachgerecht aufgeklärt werden soll. Ich persönlich hoffe, dass wir dadurch zumindest ansatzweise den skeptischen Bürgern die Angst vor dem Unbekannten nehmen können.
Das Beispiel Tisens hat übrigens gezeigt, dass ein Flüchtlingsheim in Kindergartennähe eigentlich kein Problem ist. Je schneller man die neue Situation akzeptiert, desto schneller kann Integration gelingen. Erst die fehlende Integration könnte zu Problemen führen. 

STOL: Sehen Sie Aufnahme von Flüchtlingen als Problem oder als Chance für St. Ulrich?
Moroder: Als Bürgermeister fühle ich mich natürlich für die Bürger verantwortlich - und wenn die Bevölkerung Angst hat, dann muss ich das zur Kenntnis nehmen und diese auch respektieren. Als Mensch aber fühle ich mich auch für jene Menschen verantwortlich, die vor einer aussichtslosen Zukunft fliehen.
Es sei hier auch klar und deutlich gesagt, dass irgend welche Übergriffe, ganz egal von welcher Seite sie auch  kommen, keineswegs geduldet werden.
Natürlich wäre es ein schönes Märchen, wenn zumindest einige der Asylantragsteller hier im Tal eine Beschäftigung finden würden und sich allmählich ein besseres Dasein erarbeiten könnten. So gesehen hat St. Ulrich bzw. ganz Gröden wirklich die Chance, einen konkreten Beitrag zur Lösung eines großen gesellschaftlichen Problems zu leisten. 

Interview: Patrick Stuflesser, Petra Kerschbaumer

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Informationsveranstaltung in St. Ulrich

Die Gemeinde veranstaltet am Mittwoch, 25.11.2015 um 20 Uhr im Kulturhaus von St. Ulrich einen Informationsabend betreffend die Unterbringung von Flüchtlingen in St. Ulrich. An der Veranstaltung nehmen Landesrätin Martha Stocker, Landesrat Florian Mussner, der Abteilungsdirektor des Amtes für Soziales Luca Critelli und Vertreter der Caritas teil. 
Freiwillige Helfer, die bereits Erfahrungen mit Flüchtlingen gesammelt haben, werden darüber berichten. Die Veranstaltung steht allen interessierten Bürgern offen.

stol