Die Handwerker haben alles gegeben - und geliefert: Der Turm ist wieder errichtet, der in der Nacht des Brandes jäh in sich zusammengebrochen war. Die großen Glocken hängen wieder, die holterdiepolter heruntergekracht waren. Die Fassade strahlt hell, die vom Ruß und Qualm geschwärzt war. Und selbst die Orgel ist gesäubert, die natürlich mit ihren vielen Pfeifen besonders empfindlich war und ist. Glückwunsch, Frankreich! Eine tolle Leistung - Ergebnis einer gemeinsamen Anstrengung!<BR /><BR />Auch einen Handwerker-Chor wird es geben, der nun symbolisch gemeinsam singt am Wochenende. Ensemble - ZUSAMMEN! So heißt das in Frankreich, erst recht in Paris. Einfach schön...<BR /><BR />Aber leider funkt die Politik mächtig dazwischen diese Woche. Wie mit schiefen Tönen aus den Orgelpfeifen - und das mitten im Hochamt. Das Fest droht zur Persiflage zu werden. Nix Ensemble, dafür Chaos pur. Natürlich nicht an Notre Dame, dafür aber im Parlament: Regierung gestürzt, Haushalt misslungen, Präsident unter Druck.<BR /><BR />Emanuel Macron hatte sich schon auf die große Show an der Seine gefreut. Der zweiten innerhalb eines halben Jahres. Nach Olympia in Paris nun die grandiose Wiedereröffnung des nationalen Monuments Notre Dame. Olympia im August war einfach toll, ja überragend. Die Leistung des Wiederaufbaus war es ebenfalls. Die Feier am Wochenende dürfte es auch werden. Aber dann?<BR /><BR />Der Premierminister (Michel Garnier) von Macrons Gnaden ist geschasst, das Parlament hat rebelliert. Von links und rechts - gegen die Mitte. Dieses Szenario wird bleiben - auch wenn Notre Dames Glocken wieder läuten und die Orgelpfeifen wieder stimmig klingen...<BR /><BR />Damit droht nach Deutschland nun auch Frankreich eine große politische Hängepartie. Und das zur globalen Unzeit. Nicht gut. Auch nicht für Europa. Es ist, als hätten die Handwerker ihre Gerüste stehen oder die Flaschenzüge hängen lassen in Notre Dame, um das Bild zu stören. Aber das haben sie nicht. Das waren andere. Ich bin gespannt, welche Eindrücke dauerhafter sein werden? Das neue Strahlen des Monuments oder das politische Chaos im Parlament?<BR /><BR />von Stephan Kaußen