Montag, 16. November 2015

Fühlen Sie sich sicher, Frau Stocker?

Nach den Anschlägen von Paris, sagen einige, beginnt eine neue Zeitrechnung. Kastelruth liegt nach Paris. Dort wird Soziallandesrätin Martha Stocker am Montagabend erklären, dass 17 Menschen aus Afrika in einem Gebäude im Dorfzentrum unterkommen.

Nach den Anschlägen von Paris hat Martha Stocker nicht mehr oder weniger Angst um ihre Sicherheit als noch vor kurzem. Allerdings sagt sie: "Wir müssen uns im Klaren sein, dass größere Zentren in Europa gefährdet sind."
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Nach den Anschlägen von Paris hat Martha Stocker nicht mehr oder weniger Angst um ihre Sicherheit als noch vor kurzem. Allerdings sagt sie: "Wir müssen uns im Klaren sein, dass größere Zentren in Europa gefährdet sind." - Foto: © LaPresse

Christina Pallanch ist nervös. Die Referentin für Soziales der Gemeinde Kastelruth sagt: „Es werden heute Abend wohl sehr viele Leute kommen.“ Pallanch erinnert an die Anschläge von Paris und die Verhaftungen in Meran, Bozen und auf dem Ritten. Die Stimmung in der Gemeinde – angespannt.

Um 20 Uhr findet im Pfarrsaal von Kastelruth eine Bürgerversammlung statt. Während Bürgermeister Andreas Colli fehlt, werden Soziallandesrätin Martha Stocker und ihr Abteilungsleiter Luca Critelli erwartet. Denn: Kastelruth soll 17 Asylantragsteller im ehemaligen Kloster der Tertiarschwestern aufnehmen (siehe dazu Info-Block am Ende des Artikels). Es ist die erste Versammlung dieser Art, nach den Terroranschlägen von Paris, denen 129 Menschen zum Opfer fielen.

STOL hat mit der Soziallandesrätin kurz vor der Versammlung gesprochen. Sie sagt: „Für die Menschen, die hier sind, gibt’s nur eines: Integration, Integration, Integration.“

Südtirol Online: Frau Landesrätin, wird die Bürgerversammlung in Kastelruth besonders schwierig?

Martha Stocker, Soziallandesrätin: Ich habe im Laufe der Flüchtlingsaufnahmen bereits die ein oder andere schwierige Situation erlebt. Aber am Ende überwogen Betroffenheit und Hilfsbereitschaft. Ereignisse, die Menschen bewegen und Angst machen, müssen thematisiert werden. Dafür bin ich dankbar.

Eines gilt es ganz klar zu sagen: Die Anschläge in Paris dürfen nicht mit der Flüchtlingsproblematik vermischt werden. Die Menschen, die diese Anschläge verübt haben, sind zum Teil in Europa aufgewachsen. Andere, die diese Terroraufträge erfüllen, finden Möglichkeiten und Wege nach Europa zu gelangen – nicht über Flüchtlingsrouten, sondern meist ganz legal über ein Touristenvisum. 

STOL: Fühlen Sie sich in Südtirol sicher?

Stocker: Ich fühle mich genauso sicher wie vorher. Eines darf man allerdings nicht vergessen: Die absolute, grenzenlose Sicherheit gibt es nicht.

STOL: Sie sagen, Terroristen und Flüchtlinge gehören ganz klar getrennt. Dennoch werden einige Menschen nun ihre Angst und Zorn über die Attentäter auf die Flüchtlinge übertragen.

Stocker: Dessen bin ich mir bewusst. Deshalb muss man darüber sprechen, damit die Sachverhalte klargestellt werden können.

STOL: Wie groß ist denn die Möglichkeit, dass sich Terroristen unter Flüchtlinge mischen?

Stocker: Die theoretische Möglichkeit besteht durchaus. Doch die meisten der Terroristen haben wohl ganz andere Wege, um sich nach Europa zu schleusen. Und nachdem Südtirol in Europa liegt, kann man’s nicht ausschließen. Uns muss klar sein, dass größere Zentren in Europa gefährdet sind.

STOL: Manch einer macht die „unkontrollierte Zuwanderung“ verantwortlich.

Stocker: Was bedeutet „kontrolliert“? Ich bin für Kontrollen und Hotspots an den EU-Außengrenzen. Nur: Umzäunte Zonen, in denen man die Flüchtlinge einsperrt, bis ihre Asylanträge behandelt werden, kann ich mir nicht vorstellen. Und ich weiß auch nicht, ob sich Europa das vorstellen kann.

STOL: Wie reagieren die Flüchtlinge, die sich in Südtirol aufhalten, auf die Attentate?

Stocker: Einige haben natürlich Angst, dass sich die Vorkommnisse nun auf ihre Situation und ihren Status auswirken.

STOL: Manche Bürger fordern „Ausweisen!“, „Grenzen schließen!“. Andere wiederum pochen auf die Integration als Schutz gegen Radikalisierung. Was ist die richtige Antwort auf die Attentate von Paris?

Stocker: Für die Menschen, die hier sind, gibt’s nur eines: Integration, Integration, Integration. Ansonsten bilden sich Clans, die sich absondern, und künftig Schwierigkeiten bereiten.

STOL: Nun ist Südtirol nur ein klitzekleines Rad in einem großen Ganzen. Wie hilflos fühlen Sie sich an manchen Tagen?

Stocker: Jeder muss an seinem Platz das tun, was seine Aufgabe ist. Und diese Aufgabe muss man mit Verantwortung erledigen.

Interview: Petra Gasslitter

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Die Fakten zur Flüchtlingsaufnahme in Kastelruth

Die Menschen: 17 Personen, vorwiegend Männer, wahrscheinlich zwischen 20 und 35 Jahren alt. Die Herkunftsländer: Nigeria, Mali, Somalia, sagt Stocker. Und schließt aus: „Es kommen keine Syrer. Die nehmen die Balkanroute.“ Die Ankunftszeit: circa 26. November. Die Verweilzeit in Kastelruth: ungewiss. Zumindest solange, bis ihre Asylanträge behandelt wurden. Dies kann Monate und Jahre dauern. Arbeiten können die Menschen in dieser Zeit meist nicht. Sprachkenntnisse fehlen. Sozialnützliche Tätigkeiten – beispielsweise eine Mitarbeit bei der Forst – sind erlaubt und, von der Soziallandesrätin, gern gesehen. Die Zukunft: vom Ausgang des Asylantrags abhängig. Wird der Flüchtlingsstatus oder der humanitäre Status zuerkannt, sind die Menschen legal im Land. Innerhalb weniger Monaten müssen die Personen dann die Aufnahmezentren verlassen, Wohnung und Arbeit suchen. Jene Personen, deren Anträge abgelehnt werden, müssen rückgeführt werden. Die Kosten: trägt der Staat. Das Land Südtirol streckt die 28 Euro pro Tag und Antragsteller zwar vor, erhält das Geld aber vom Staat zurück.

stol