Die Bilanz des ersten Amtsjahres, der starke Druck auf die Tiroler Transit-Maßnahmen auf der Brennerstrecke, Bettenstopp und Urlaub in Südtirol waren weitere Themen des Interviews. <BR /><BR /><b>Sie beenden bald Ihr erstes Amtsjahr. In Südtirol haben wir den Eindruck: Der Mattle macht das recht ruhig. Wie erleben Sie das erste Jahr?</b><BR />Landeshauptmann Anton Mattle: So eine neue Aufgabe ist eine große Herausforderung. Es ist aber meine Wesensart, in den Alltag etwas Ruhe hineinzubringen.Wichtige Entscheidungen fallen dann zwar meist gleich schnell, aber sie haben insgesamt mehr Tiefgang. So darf durchaus der Eindruck entstehen, dass ich das etwas ruhig angehe. Im guten Sinn. <BR /><BR /><b>Was beschäftigt Sie und Ihr Regierungsteam am stärksten?</b><BR />Landeshauptmann Mattle: Es geht vor allem darum, Menschen von ihren Alltagssorgen zu entlasten. Gleichzeitig müssen Zukunftsthemen angegangen werden. Dazu zählt zum Beispiel der Klimaschutz, denn gerade wir in den Alpen erleben die Folgen des Temperaturanstiegs besonders stark. Mit der Energiewende in Tirol wollen wir unseren Beitrag zum Klimaschutz leisten. Ein zentrales Thema ist der Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung, welchen wir in Tirol als erstes Bundesland vorbereiten und beschließen werden. Überall werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesucht, mit einer starken Kinderbetreuung haben wir mehr Arbeitskräfte verfügbar. Was gleich wichtig ist: Viele Kinder, die sonst allein aufwachsen würden, haben in der Betreuung die Möglichkeit, anderen Kindern zu begegnen und ihre sozialen Fähigkeiten zu entwickeln.<BR /><BR /><b>Ihr Amtsvorgänger Günther Platter hat sein Amt auch wegen der vielen persönlichen Anfeindungen in der Corona-Pandemie vorzeitig übergeben. Spüren auch Sie dieses harte Klima für politische Entscheidungsträger?</b><BR />Landeshauptmann Mattle: Wenn ich im Land unterwegs bin, habe ich bisher insgesamt den Eindruck, dass wir diese tiefe Spaltung in der Gesellschaft überwunden haben. Es steht wieder das Gemeinsame im Vordergrund. Es gibt selbstverständlich kritische Leute, die auf einen zugehen, aber das gehört dazu. Es ist ein großes Glück für unsere Gesellschaft, wenn wir uns wieder die Hand reichen, Respekt zeigen und den gemeinsamen Weg sehen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="929743_image" /></div> <BR /><BR /><b>Sie haben länge Zeit überlegt, als Günther Platter Sie gefragt hat, ob sie als Spitzenkandidat und damit sein möglicher Nachfolger zur Verfügung stehen. Würden Sie aufgrund der bisherigen Erfahrungen noch einmal zusagen?</b><BR />Landeshauptmann Mattle: Ich würde zusagen! Und wahrscheinlich würde ich nicht so lange überlegen. Es gibt viel Schönes in dieser Aufgabe, und diese Möglichkeiten, etwas zu gestalten gefallen mir besonders. Also ein klares Ja. <BR /><BR /><b>Zurück zum weniger Schönen. In der Transitpolitik werden Sie schwer in die Zange genommen. Italiens Minister Salvini und sein deutscher Amtskollege Wissing machen in Brüssel mobil gegen die Fahrverbote; dort ist auch Kommissarin Adina Valean auf diesem Kurs. Wackeln die Transitbeschränkungen?</b><BR />Landeshauptmann Mattle: Es gibt immer wieder diese harten Zwischenrufe aus Rom und Berlin. Aber die Zeit arbeitet für uns! Wir sind ja permanent und immer dramatischer mit der Klimaerwärmung konfrontiert. Und da ist eben auch der Verkehr ein großer Teil des Problems, das wir lösen müssen. Eindämmung und Verlagerung auf die Schiene sind ein Gebot der Stunde. Unsere Regionen haben hier geliefert, gemeinsam mit Südtirol und Bayern haben wir einen klaren und machbaren Vorschlag, wie wir den Verkehr in Zukunft gestalten können. Daran wird auch Brüssel nicht vorbeikommen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-60869965_quote" /><BR /><BR /><b>Sie meinen damit das angekündigte Slot-System mit buchbaren Lkw-Fahrten über die Brennerachse. Viele befürchten, dass damit der Schwerverkehr dann auch auf Nacht und Wochenenden verteilt wird und unterm Strich noch mehr Lkw über den Brenner rollen.</b><BR />Landeshauptmann Mattle: An dieser Befürchtung ist nichts dran. Das System soll auch mit Hilfe Künstlicher Intelligenz den Schwerverkehr entzerren und gestalten. Bei Einführung des Slot-Systems wird aber an unseren Notfallmaßnahmen wie dem Nachtfahrverbot nicht gerüttelt. Und nach Fertigstellung des Brennerbasistunnels muss der Warenverkehr systematisch auf die Schiene verlagert werden. <BR /><BR /><b>Nun ist aber fraglich, ob diese Maßnahme überhaupt mit EU-Recht vereinbar ist. Was dann?</b><BR />Landeshauptmann Mattle: Das Verkehrsministerium in Wien geht davon aus. Ich bin optimistisch. Denn ich gehe davon aus, dass die EU unserem Slot-System zur intelligenten Steuerung des Schwerverkehrs auf der Brennerachse Grünes Licht erteilen wird. An diesem System arbeiten die Autobahnbetreiber bereits. Nach den EU-Wahlen im kommenden Jahr geht es hier sicher einen entscheidenden Schritt weiter. Wenn das Verlagerungsgebot tatsächlich nicht durchsetzbar wäre, wird das Slot-System wirken: Wer nicht über dieses System über den Brenner kommt, wird auf die Schiene ausweichen müssen. <BR /><BR /><b>Wolf und Bär sind auch in Nord- und Osttirol ein heißes Thema. In Ihrem Bundesland wurden bereits 3 Wölfe abgeschossen, auf mehrere ist die Jagd eröffnet. Ist das tatsächlich die Lösung des Problems?</b><BR />Landeshauptmann Mattle: Wir haben dieses Problem seit Jahren. Bisher wurde versucht, Abschüsse über einen Bescheid zu erwirken, der aber sofort von Organisationen gerichtlich blockiert wurden. Seit Frühjahr haben wir eine Novelle des Jagdgesetzes, die Abschüsse werden über eine Verordnung ohne Beschwerdemöglichkeit angeordnet. Jetzt erfolgen sie tatsächlich. Das hilft, um den Schaden an Nutztieren einzugrenzen. Einer der letzten Wölfe hat übrigens sogar einen jungen Noriker angefallen, und das ist nun wirklich kein kleines Pferd. Die Abschüsse bringen auch eine gewisse Ruhe in die Bevölkerung, was dringend notwendig ist. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="929746_image" /></div> <BR /><BR /><b>Noch einmal: Wie skizzieren Sie die dauerhafte Lösung des Problems mit Wolf und Bär?</b><BR />Landeshauptmann Mattle: Beim Wolf ist sicher ein Management wie beim Rotwild notwendig, also mit klaren Abschussplänen, um das Risiko zu minimieren und Schäden einzudämmen. Es geht auch darum, dass wir es nicht bei Abschüssen belassen, sondern alle betroffenen Regionen auf EU-Ebene konsequent an der Senkung des Schutzstatus für Wolf und Bär arbeiten. Beim Bär wird ein Entnahme-Management nicht ausreichen. <BR /><BR /><b>Warum?</b><BR />Landeshauptmann Mattle: Für Bären sehe ich in unserem dicht besiedelten alpinen Gebiet schlichtweg keinen Platz. Sie müssen entnommen werden. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die letzten Bären im Bundesland Tirol erlegt, und dies deshalb, weil diese Nutztiere gerissen und Angst verbreitet haben. Damals lebten in unserem Land 260.000 Menschen. Heute hat das Bundesland Tirol rund 750.000 Bürgerinnen und Bürger, dazu kommen zur Hochsaison noch rund 350.000 Gäste. Bei 1,1 Millionen Menschen sind Konflikte mit Bären unvermeidlich. Im dicht besiedelten Alpenraum ist kein Platz für sie. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-60869967_quote" /><BR /><BR /><b>Stichwort Gäste: Südtirol setzt auf einen Bettenstopp. Wie sieht es im Tourismusland Tirol aus?</b><BR />Landeshauptmann Mattle: Die aktuelle Sommersaison zeigt, dass es nicht gelingt, alle Betten zu belegen. Ich denke, dass die Zahl der Betten damit von allein sinken wird, ohne Gesetze. Im kommenden Jahr steht die Neuordnung des Tiroler Seilbahn- und Skigebietsprogramms (TSSP) an. Ich gehe davon aus, dass wir keine neuen Skigebiete mehr ausweisen werden, höchstens noch Ergänzungen bestehender Gebiete.<BR /><BR /><b>Persönliche Schlussfrage: Geht sich im Amt als Landeshauptmann noch ein Urlaub aus?</b><BR />Landeshauptmann Mattle: Ja, zum meiner großen Freude konnte ich 8 Tage einen gemeinsamen Urlaub mit meiner Frau verbringen. So ein längerer Urlaub am Stück tut einfach gut. <BR /><BR /><b>Gehört auch Südtirol zu den Urlaubszielen?</b><BR />Landeshauptmann Mattle: Südtirol ist für mich und die Familie etwas Wertvolles, das wir immer wieder auch genießen. Als Oberländer ist für uns Meran ein lohnendes Ziel, aber ich bin als Bergfreund und Mitglied der Bergrettung auch fasziniert von den Bergen, etwa den Dolomiten. Wir haben viele Schutzhütten besucht und auch die dazu gehörigen Berge erklommen. Und weil wir gerade in Aldein sind: Im Jahr 1986 hat unsere Familie in Montan Urlaub gemacht. <BR /><BR />ZUR PERSON<BR /><BR />Anton (Toni) Mattle, Jahrgang 1963, wächst auf einem Bauernhof in Galtür auf; er macht eine Meisterausbildung als Radio- und Fernsehtechniker, 1991 gründet er die eigene Firma.<BR />Mit 23 Jahren wird er in den Gemeinderat von Galtür gewählt, von 1992 bis 2021 ist er dort Bürgermeister; bei der Lawinenkatastrophe im Februar 1999 überzeugt er als Krisenmanager. <BR />Seit 2003 ist Mattle Abgeordneter im Tiroler Landtag, seit 25. Oktober 2022 ist er als Nachfolger von Günther Platter im Amt als Landeshauptmann.<BR />Mattle ist verheiratet und Vater von 3 Kindern. <BR /><BR /><BR /><BR />