Sonntag, 05. Dezember 2021

Fürchtet euch nicht! Besonders nicht vor Weihnachten

Was der böse Grinch nicht schafft, das will die EU-Kommission besorgen – Weihnachten abschaffen? Eine schöne Bescherung! Die Aufregung um das Papier zur politisch korrekten Kommunikation innerhalb der Behörde, vorgelegt von der maltesischen EU-Kommissarin Helena Dalli, hatte uns diese Woche gerade noch gefehlt. Ausgerechnet in der Adventzeit und mitten in der schlimmsten Krise, die Europa seit Jahrzehnten gesehen hat. Während tatsächlich unsicher ist, ob und wie wir das Fest in diesem Pandemiejahr – dem zweiten in Folge – begehen werden können. Ein Kommentar.

Fürchtet euch nicht! – heißt es am Heiligen Abend.
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Fürchtet euch nicht! – heißt es am Heiligen Abend. - Foto: © shutterstock
Das 30 Seiten umfassende Dokument der EU-Kommission mit Formulierungshinweisen zum Weihnachtsfest war Anfang der Woche in Medien aufgetaucht: Mitarbeitern der Behörde wurde darin empfohlen, in ihrer Kommunikation unter anderem statt „Weihnachten“ den Ausdruck „Feiertage“ zu verwenden, auch ein Verzicht christlicher Namen in Texten wurde nahegelegt; statt Maria und John doch bitte lieber Malika und Julio. Das, so die Idee, sollte helfen, Diskriminierungen in gesprochener und geschriebener Sprache zu vermeiden. Nach Protesten, wie unter anderem von EU-Parlamentarier Herbert Dorfmann, ruderte die zuständige Kommissarin dann zwar umgehend zurück und kündigte an, die vorliegende Fassung überarbeiten zu wollen. Doch das Kind war da bereits aus der Krippe geplumpst. Der Schaden war angerichtet.





Das Anliegen, niemanden zu diskriminieren, ist ja ein redliches: Alle sollen in EU-Texten auf Webseiten, Formularen, Broschüren wertgeschätzt und anerkannt werden, schreibt Dalli. Gut gemeint, schlecht getroffen also? Nur auf den ersten Blick.

Zwar ist ein solches PR-Desaster an sich peinlich genug; unnötig auch, dass sich Brüssel damit als die Bürokratenfestung präsentiert hat, die es ja gerade nicht sein will; unverständlich zudem, dass die zuständige Behörde zu einem Zeitpunkt, in dem alles auf gemeinsame, koordinierte Pandemiebewältigung wartet, damit beschäftigt scheint, „Weihnachten“ aus dem Sprachgebrauch verbannen zu wollen. Das Problem wurzelt aber tiefer: Es ist die Annahme, dass Religion Menschen ausschließen würde. „Die Achtung der religiösen Vielfalt kann nicht zu der paradoxen Konsequenz führen, das religiöse Element aus dem öffentlichen Diskurs zu verdrängen“, hat der Vorsitzende der EU-Bischofskommission, Kardinal Jean-Claude Hollerich, formuliert.

Wenn es das Anliegen der Kommissarin war, stereotype Zuschreibungen zu vermeiden und Vielfalt zu fördern, dann verwundert es, dass gerade „Weihnachten“ als Beispiel herhalten muss. Die Botschaft des Festes ist ja eine Einladung an alle Menschen: Fürchtet euch nicht! – heißt es am Heiligen Abend. Es braucht keinen Leitfaden zur Inklusion, wenn man den Sinn von Weihnachten kennt: Habt keine Angst vor dem Leben! Vielleicht sollten wir uns das heuer ganz besonders wünschen.

kn