Dienstag, 12. Oktober 2021

G20 beraten auf Sondergipfel über Afghanistan-Krise

Der G20-Sondergipfel zu Afghanistan ist nach einer mehr als zweistündigen Videokonferenz zu Ende gegangen. Das verkündete der italienische Ministerpräsident Mario Draghi, der aktuell Vorsitzende der Gruppe der 20 wichtigsten Industrienationen ist, am Dienstagnachmittag. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel erklärte danach, dass mit internationaler Hilfe ein wirtschaftlicher Kollaps verhindert werden müsse.

Bei den Beratungen waren neben den 20 wichtigsten Industrienationen der Welt auch andere Länder und Akteure wie die Vereinten Nationen oder die Weltbank dabei.
Bei den Beratungen waren neben den 20 wichtigsten Industrienationen der Welt auch andere Länder und Akteure wie die Vereinten Nationen oder die Weltbank dabei. - Foto: © ANSA / FILIPPO ATTILI / HANDOUT
„Zuzuschauen, wie 40 Millionen Menschen ins Chaos verfallen, weil weder Strom geliefert werden kann, noch ein Finanzsystem existiert, das kann und darf nicht das Ziel der internationalen Staatengemeinschaft sein“, sagte Merkel nach dem digitalen Treffen. „Wir alle haben nichts davon, wenn in Afghanistan das gesamte Währungssystem zusammenbricht oder Finanzsystem zusammenbricht, dann kann nämlich auch humanitäre Hilfe nicht mehr geleistet werden“, betonte sie. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank hätten eine große Aufgabe, den Zusammenbruch des Finanzsystems in Afghanistan zu verhindern. In Washington findet derzeit die gemeinsame Jahrestagung von IWF und Weltbank statt.

Das Ziel der Bemühungen sei zuallererst, Lösungen zur Bekämpfung der „humanitären Katastrophe“ in dem bitterarmen Land zu suchen, sagte auch Draghi im Vorfeld der Beratungen. „Es ist die Pflicht der reichsten Länder dieser Welt, etwas zu tun“, betonte er. „Es geht darum, Menschenleben zu retten.“

Nach UNO-Angaben sind rund 18 Millionen Afghanen - und damit die Hälfte der Gesamtbevölkerung - auf humanitäre Hilfe angewiesen. 93 Prozent der Haushalte haben nicht genug zu essen. Die Grundversorgung steht nach UNO-Einschätzung vor dem Zusammenbruch. Es drohe eine noch viel größere humanitäre Katastrophe, wenn die internationale Gemeinschaft es zulasse, dass Afghanistans Gesundheitswesen, die Banken und die Wirtschaft kollabieren.

Bei den Beratungen waren neben den 20 wichtigsten Industrienationen der Welt auch andere Länder und Akteure wie die Vereinten Nationen oder die Weltbank dabei.

Die EU-Kommission sagte insgesamt eine Milliarde Euro an Hilfen zu. Zu den bereits zugesagten 300 Millionen Euro für humanitäre Hilfe soll es laut Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen noch einmal mindestens 250 Millionen Euro unter anderem für den Gesundheitsschutz geben. Weiteres Geld wird den Planungen zufolge in Nachbarstaaten fließen, die aus Afghanistan geflohene Menschen aufgenommen haben. Man müsse alles tun, um einen schweren humanitären und sozioökonomischen Zerfall in Afghanistan zu verhindern, kommentierte von der Leyen. Das afghanische Volk dürfe nicht den Preis für das Handeln der Taliban zahlen.

Zugleich betonte die EU-Kommission, dass die klassische Entwicklungshilfe für den Wiederaufbau des Landes vorerst eingefroren bleibe. Diese soll erst dann wieder aufgenommen werden, wenn die radikal-islamischen Taliban zum Beispiel die Einhaltung von Frauenrechten und Medienfreiheit garantieren und eine Regierung bilden, die die ethnische und religiöse Vielfalt des Landes repräsentiert.

Die Präsidenten Russlands und Chinas, Wladimir Putin und Xi Jinping, nahmen nicht persönlich an dem virtuellen Sondergipfel der Gruppe der führenden Industrienationen (G20) zu Afghanistan teil. Das bestätigten beide Regierungen am Dienstag in Peking und Moskau. Xi ließ sich von Außenminister Wang Yi vertreten, während sich für Russland nur der Vize-Außenminister Igor Morgulow und der Afghanistan-Beauftragte Samir Kabulow zuschalten ließen. Ein zentraler Aspekt der Beratungen war auch, wie das Ausland mit den Taliban in Afghanistan umgeht. China und Russland spielen eine wichtige Rolle, da sie den Islamisten schon früh ihre Unterstützung angeboten haben und wenig Berührungsängste zeigen.

apa