Nachdem Teile des Gerichtsgebäudes in Bozen eingestürzt sind, ist eine politische Debatte über die weitere Zukunft des Standortes entbrannt. Im Mittelpunkt stehen dabei sowohl die Anforderungen an eine moderne Justizinfrastruktur als auch der Umgang mit einem Bauwerk, das aus der Zeit des faschistischen Regimes stammt. Die Freiheitlichen sehen im Vorfall die Chance für einen umfassenden Neubeginn. <BR /><BR />Der Vizeobmann der Partei und Rechtsanwalt Otto Mahlknecht fordert anstelle einer bloßen Wiederherstellung des beschädigten Gebäudes den Bau eines neuen Justizcampus in Bozen. Dieser solle die derzeit auf mehrere Standorte verteilten Gerichte und Justizdienste an einem gemeinsamen Standort bündeln. Nach Ansicht der Freiheitlichen müsse ein solcher Campus ausreichend Platz für zusätzliche Richter, Kanzleipersonal und Verhandlungssäle bieten und auch zukünftige Erweiterungen ermöglichen. Die Justiz sei eine zentrale öffentliche Dienstleistung, bei der es um grundlegende Bereiche wie Freiheit, Familie, Eigentum und wirtschaftliche Sicherheit gehe. <BR /><BR />Mahlknecht verweist zudem auf die Dauer von Gerichtsverfahren in Italien im Vergleich zu Österreich und sieht Handlungsbedarf bei den personellen und räumlichen Ressourcen des Landesgerichts Bozen. Das Problem liege nicht beim Einsatz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern bei den strukturellen Rahmenbedingungen. Nach Ansicht der Freiheitlichen brauche es deutlich mehr Kapazitäten, um Verfahren künftig schneller abwickeln zu können. <BR /><BR />Als möglichen Standort für einen neuen Justizcampus nennt die Partei das Bozner Bahnhofsareal. Dort könnten Landesgericht, Staatsanwaltschaft, Oberlandesgericht, Friedensgericht sowie weitere Justizdienste an einem zentral erreichbaren Ort zusammengeführt werden.<h3> Grüne fordern historische Aufarbeitung</h3>Eine andere Perspektive bringen die Grünen ein. Die Landtagsabgeordneten Brigitte Foppa, Madeleine Rohrer und Zeno Oberkofler sehen die aktuelle Diskussion auch als Anlass, den Umgang mit den baulichen Zeugnissen der faschistischen Zeit neu zu betrachten. Nach Ansicht der Grünen erzählen Gebäude aus dieser Epoche einen schwierigen Teil der Geschichte Südtirols. <BR /><BR />Diese Spuren sollten weder ignoriert noch einfach beseitigt werden, sondern durch historische Erklärung und Einordnung zu Orten der kritischen Auseinandersetzung werden. Die Grüne Landtagsfraktion hat in diesem Zusammenhang einen Antrag eingebracht, der einen Beitritt Südtirols zur europäischen Kulturroute ATRIUM vorsieht. <BR /><BR />Das Netzwerk beschäftigt sich mit Bauwerken und Orten, die mit den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts verbunden sind, und soll einen europaweiten Austausch über den Umgang mit diesem historischen Erbe ermöglichen. <BR /><BR />Damit stehen sich in der aktuellen Debatte zwei unterschiedliche Schwerpunkte gegenüber: Die Freiheitlichen fordern eine zukunftsorientierte Lösung für die Justiz mit neuen räumlichen und personellen Ressourcen, während die Grünen die Bedeutung der historischen Aufarbeitung des Gebäudes und seiner Geschichte hervorheben.