Mit Finis Ausschluss aus der gemeinsamen Partei Mitte-Rechts-Gruppierung „Popolo della Liberta“ (PdL), die beide erst vor eineinhalb Jahren gemeinsam durch eine Fusion ihrer Gruppierungen Forza Italia und Alleanza Nazionale gegründet hatten, verliert Berlusconi nicht nur seinen bis vor wenigen Monaten zuverlässigsten Verbündeten, sondern vor allem einen der brillantesten Strategen der italienischen Politik und einen Protagonisten der italienischen Mitte-Rechts-Allianz.Als Doktor der Pädagogik MSI-Mitglied Der 1958 in Bologna geborene Fini hat in seiner politischen Karriere ausgeprägtes diplomatisches Geschick und strategisches Gespür bewiesen. Der Doktor der Pädagogik hatte sich als Student der neofaschistischen MSI angeschlossen. Fünf Jahre lang leitete er die Jugendorganisation der MSI und schrieb gleichzeitig für das Parteiblatt „Il Secolo d’Italia“. Er wurde zum Kronprinzen des Neofaschistenführers Giorgio Almirante, eines ehemaligen Mitstreiters von Benito Mussolini. 1983 wurde Fini zum Abgeordneten gewählt. Drei Jahre nach dem Tod des charismatischen MSI-Gründers Almirante wurde er 1991 zum neuen Parteichef ernannt. In wenigen Jahren gelang es Fini, die intern und international isolierte MSI-Partei in die moderatere Rechtsbewegung Alleanza Nazionale (AN) umzuwandeln.Gesinnungswechsel, danach Eintritt in Partei „Forza Italia“ Fortan bemühte sich Fini, das Image der MSI zu verbessern, um sie zu einer modernen Partei zu machen, die vor allem Jugendliche anspricht. Die Wende wurde im Jahr 1994 vollzogen. Fini wandelte die MSI in die Rechtspartei Alleanza Nazionale (AN) um und suchte den Dialog mit anderen politischen Gruppen. Er ging zur faschistischen Vergangenheit der Partei auf Distanz, besuchte das KZ in Auschwitz und fand wachsenden Zuspruch beim Bürgertum. Danach ging er eine Wahlallianz mit der Partei Forza Italia ein, die Berlusconi 1994 gegründet hatte.Bei den Parlamentswahlen 1994 erhielt Finis Gruppierung 13,5 Prozent der Stimmen und wuchs somit zur drittstärksten Partei in Italiens Parlament an. Trotz internationaler Proteste durfte die AN den Vizepremier stellen und fünf Ministerposten besetzen. Das EU-Parlament erhob Vorbehalte gegen römische Kabinettsmitglieder aus den Reihen der Postfaschisten. Fini verteidigte sich eloquent gegenüber den internationalen Attacken. Nur eine Minderheit in der AN sei „neofaschistisch“. Nach dem Sturz der Regierung Berlusconi im Dezember 1994 begann für die AN eine schwierige Zeit in der Opposition, während der sie jedoch dem TV-Tycoon stets politisch treublieb.Fini über sich: „Demokratisch, modern, gemäßigt“ Nach Berlusconis Wahlsieg 2001 übernahm Fini den Posten des Vizepremiers. Zwischen 2004 und 2006 besetzte er auch das Amt des Außenministers. Er arbeitete unermüdlich am Image der von ihm aufgebauten „neuen Rechten“. Die AN, beteuerte er, sei demokratisch, modern, gemäßigt. 2003 unternahm Fini eine international argwöhnisch beäugte, aber für ihn dennoch erfolgreiche Israel-Reise, um der internationalen Öffentlichkeit klar zu machen, dass seine Partei definitiv von ihrer neofaschistischen Vergangenheit Abstand genommen habe. Durch den Israel-Besuch, an dem er fast sechs Jahre lang gearbeitet hatte, konnte Fini stark an internationalem Ansehen gewinnen.Während Berlusconis zweiter Regierung zwischen 2001 und 2006 erwies sich Fini einerseits als ein treuer Verbündeter Berlusconis, war zugleich aber sein gefährlichster Konkurrent im Mitte-Rechts-Lager. Fini hat nie geleugnet, dass er gern die Führung der Mitte-Rechts-Allianz übernehmen würde, sollte Berlusconi seine politische Karriere beenden. Nach Berlusconis neuem Wahlsieg 2008 wurde Fini zum Präsidenten der Abgeordnetenkammer gewählt. Seine institutionelle Rolle hinderte ihn jedoch nicht daran, immer wieder, seine Meinung zu äußern, die oft mit der Linie des Regierungschefs in Konflikt stand.2009: PdL wird gegründet Im März 2009 machte Fini wohl seinen größten politischen Fehler. Unter dem Druck des Medienzaren, der seine Machtposition im Mitte-Rechts-Lager konsolidieren und die italienische Parteienlandschaft vereinfachen wollte, stimmte er der Auflösung seiner Alleanza Nazionale und deren Fusion mit Berlusconis Forza Italia zu. Damit entstand die Mitte-Rechts-Partei „Popolo della Liberta“, in der Fini und seine Vertrauten jegliche Führungsposition verloren. Im Bestreben, sich politisch zu profilieren und seine Identität innerhalb der neuen Gruppierung zu bewahren, geriet der ambitionierte Fini immer öfter mit Berlusconi in Konflikt. Dabei versuchte Fini sich das Ansehen eines gemäßigten Rechtspolitikers aufzubauen, der das Vertrauen der katholischen und konservativen Wählerschaft gewinnen kann.Seit Monaten waren die Beziehungen zwischen Fini und Berlusconi äußerst gespannt. Im April hatte der Präsident der Abgeordnetenkammer auf einem Parteitag in Rom Berlusconi offen herausgefordert und ihn beschuldigt, sich zu stark vom Bündnispartner Lega Nord beeinflussen zu lassen, der nach dem Erfolg bei den Regionalwahlen im März deutlich in der Regierung an Einfluss gewonnen hatte. Außerdem lasse Berlusconi keine parteiinterne Debatte zu, kritisierte Fini. Nachdem er vergangene Woche eine Moralisierungskampagne in der von Korruptionsskandalen geplagte Partei gefordert und Kritik an einem umstrittenen Abhörgesetz Berlusconis geübt hatte, verlor der Premierminister die Geduld und drängte Fini aus der Partei. Unklar ist jetzt ob der Politiker eine eigene Partei gründen wird. Der Forderung Berlusconis, auf den Posten des Präsidenten der Abgeordnetenkammer zu verzichten, will Fini nicht nachgeben. Die Stabilität der Regierung, die sich bisher auf die solide Achse Berlusconi-Fini gestürzt hatte, ist jedenfalls stark gefährdet. Eine politische Krise in Rom ist alles andere als ausgeschlossen.