<b>STOL: Frau Rauskala, Sie waren einige Monate Bundesministerin in Österreich – in einer nach wie vor männerdominierten politischen Landschaft. Haben Sie in Ihrer politischen Laufbahn Situationen erlebt, in denen Sie das Gefühl hatten, sich als Frau stärker beweisen zu müssen als Ihre männlichen Kollegen?</b><BR />Iris Rauskala: In der Politik selbst eigentlich nicht. Abseits davon gab es gelegentlich Situationen, in denen man kritisch beäugt wurde, aber das hat mich ehrlich gesagt weder überrascht noch besonders irritiert. Ich versuche einfach, meinen Job so gut wie möglich zu machen.<BR /><BR /><b>STOL: Es heißt immer wieder, Frauen würden anders bewertet – etwa in Bezug auf Auftreten, Kleidung oder Kommunikationsstil. Ist das so?</b><BR />Rauskala: Ja, das erlebe ich tatsächlich immer wieder. Frauen werden weniger nachsichtig beurteilt, wenn es um Äußerlichkeiten geht – etwa Frisur oder Kleidung. Mir persönlich ist zwar nie direkte Kritik daran aufgefallen, aber vielleicht bin ich dafür auch etwas blind oder will es nicht sehen. Grundsätzlich fällt mir aber schon auf, dass Äußerlichkeiten, Stimme und Verhalten bei Frauen deutlich stärker kommentiert werden als bei Männern. Ich habe noch nie erlebt, dass bei Männern Krawatten oder Frisuren in dieser Regelmäßigkeit diskutiert werden.<BR /><BR /><embed id="dtext86-75254702_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: In Südtirol wurde lange über Frauenquoten in der Politik diskutiert, schlussendlich wurden sie eingeführt. Braucht es diese Quoten weiterhin, um Chancengleichheit zu erreichen?</b><BR />Rauskala: In der Politik halte ich sie nach wie vor für ein gutes Instrument. Es geht dabei um Sichtbarkeit und Repräsentativität. Parteien sollten sich schrittweise in Richtung eines Reißverschlusssystems bei Wahllisten bewegen, um eine ausgewogene Geschlechterverteilung sicherzustellen. Das ist ein wichtiges Signal, weil dadurch auch andere Perspektiven und Themen in die Politik einfließen. Es macht einen Unterschied, ob Frauen oder Männer über Bereiche wie Familie, Soziales oder die Gestaltung des öffentlichen Raums entscheiden.<BR /><BR /><b>STOL: Mehr Frauen in der Politik heißt also gleichzeitig eine bessere Politik?</b><BR />Rauskala: Zumindest eine andere Politik, weil bestimmte Themen stärker in den Fokus rücken. Wenn man sich etwa Gemeindepolitik anschaut: Wer entscheidet über den Bau einer Sporthalle oder eines Fußballplatzes? Oder über die Gestaltung von Straßen und Gehsteigen? Ich wage zu behaupten, dass viele, die Gehwege planen, diese selbst noch nie mit Kinderwagen, Rollstuhl oder Gehhilfe genutzt haben. Mehr Frauen in der Politik bedeutet oft auch, dass stärker die Perspektiven vulnerabler Gruppen berücksichtigt werden. Das verändert die Wahrnehmung von Lebensrealitäten und Teilhabemöglichkeiten. Daher würde ich sagen: Es ist eine andere Politik – und gemessen an der Ausgewogenheit gesellschaftlicher Interessen auch eine bessere.<BR /><BR /><b>STOL: Politikerinnen werden im Netz häufiger angefeindet und unter der Gürtellinie attackiert. Haben Sie das selbst erlebt? Und was bedeutet das für die Bereitschaft von Frauen, politisch aktiv zu werden?</b><BR />Rauskala: Ich habe selbst zu einzelnen Aussagen sehr erschreckende Kommentare erhalten. Davon darf man sich aber nicht abschrecken lassen, wenn man gestalten möchte. Es gibt keinen Grund, nicht aktiv zu werden. Ein Stück weit braucht es dafür auch innere Stabilität – das gilt allerdings für Männer genauso. Dass Frauen häufiger unter der Gürtellinie angegriffen werden, spiegelt wider, wie unsere Gesellschaft insgesamt mit Frauen umgeht.<BR /><BR /><embed id="dtext86-75254703_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Sie meinen also, dass Teile der Gesellschaft noch immer weniger Hemmungen haben, sich gegenüber Frauen unangemessen zu äußern?</b><BR />Rauskala: In vielen Teilen Europas gibt es tatsächlich einen gewissen Backlash – also eine Gegenbewegung zur Gleichstellung. Mit zunehmender Gleichberechtigung treten auch Tendenzen auf, die wieder stärker in konservative Rollenbilder zurückgehen, etwa das Frauenbild „zurück an den Herd“. Gleichzeitig gibt es auch Frauen, die sich solchen Modellen freiwillig zuwenden, weil sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als sehr belastend empfinden. Insgesamt sehen wir derzeit gesellschaftliche Entwicklungen in Richtung traditionellerer Familien- und Rollenbilder. Unabhängig davon bleibt aber entscheidend, dass der Umgang miteinander eine Frage von Erziehung und Respekt ist. Beleidigungen, auch anonym, können strafrechtlich relevant sein und sollten entsprechend geahndet werden.<BR /><BR /><b>STOL: Was raten Sie jungen Frauen, die mit dem Gedanken spielen, in die Politik zu gehen?</b><BR />Rauskala: Ich würde ihnen raten, ihren Ideen unbedingt zu folgen. Wir haben an unserer Hochschule viele weibliche Studierende, etwa 70 Prozent. Die Frage der Verantwortungsübernahme ist dabei zentral. Man sollte sich nicht von der Größe einer Aufgabe abschrecken lassen, sondern überlegen: Welche Netzwerke habe ich? Welche Verbündeten? Wo brauche ich Unterstützung oder Coaching? Und dann sollte man sich einfach trauen.<BR /><BR /><b>STOL: Gibt es also nach wie vor eine Scheu, Verantwortung zu übernehmen – insbesondere bei Frauen?</b><BR />Rauskala: Auch bei jungen Männern. Insgesamt hat die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, im Vergleich zu früher eher abgenommen. Wenn man das mit älteren Generationen vergleicht, war der Anspruch, eine solche Rolle anzustreben, früher stärker ausgeprägt. Das sollte durchaus zum Nachdenken anregen.<BR /><BR /><b>STOL: Junge Menschen möchten also insgesamt weniger Verantwortung übernehmen?</b><BR />Rauskala: Das ist leider eine Tendenz, die man so beobachten kann.