An der Grenze zwischen Syrien und den von Israel besetzten Golan-Höhen herrschte seit dem Yom-Kippur-Krieg von 1973 und dem 1974 geschlossenen Truppenentflechtungsabkommen weitgehend Ruhe. Höchstens ein syrischer Schäfer verirrte sich von Zeit zu Zeit in das verschlafene Gebiet zwischen den verfeindeten Staaten, die ein Gleichgewicht des Schreckens aufrecht erhielten. Doch am sogenannten Nakba-Tag kam alles anders: Hunderte fahnenschwenkender Palästinenser überquerten am Sonntag leichtfüßig die hochgesicherte Absperrung, als wären sie auf einem lauschigen Wanderpfad unterwegs.Aus israelischer Sicht handelt es sich um eine gefährliche und demütigende Grenzverletzung. Israel wirft dem syrischen Präsidenten Bashar al-Assad vor, die Proteste bewusst zugelassen zu haben, um von seinen internen Problemen abzulenken. Die blutigen Vorfälle sind auch ein Vorgeschmack darauf, wie es nach der Ära Assad an der syrischen Grenze aussehen könnte. „Wir haben keine Angst mehr“, sagte einer der Grenzgänger und formulierte damit auch den offensichtlichen Verlust des Respekts vor der israelischen Abschreckung.Es wird nun in Israel vor allem befürchtet, der wilde Grenzsturm könnte eine Generalprobe für September sein, wenn die Palästinenser ihren eigenen Staat einrichten wollen. „Dies ist nur der Anfang“, unkte ein Kommentator der Zeitung „Yedioth Ahronoth“ am Montag. Israel hat die Sorge, die Palästinenser könnten Massenmärsche auf die Grenzen des jüdischen Staates als neue Form des Widerstands kultivieren. Es entsteht auch der Eindruck, als wollten die Palästinenser im Ausland im Kampf gegen Israel jetzt das Zepter in die Hand nehmen.Die Massenproteste am Nakba-Tag, an dem die Palästinenser an die Flucht und Vertreibung Hunderttausender nach der israelischen Staatsgründung von 1948 erinnern, kamen kaum als große Überraschung: Schon vor zwei Monaten hatten Palästinensergruppen über soziale Netzwerke für den 15. Mai offen zu einem neuen Aufstand gegen Israel aufgerufen. Dennoch schien die israelische Armee am Sonntag nur sehr ungenügend vorbereitet auf den Grenzsturm. Nach scharfer öffentlicher Kritik räumte Generalstabschef Benny Ganz am Montag dann auch Fehler ein.Bei ihrem Sturm auf Israels Grenzen – auch vom Libanon aus – erschienen viele Palästinenser ganz offensichtlich von den jüngsten Protesten in der arabischen Welt inspiriert. „Das Volk will... die Rückkehr nach Palästina“, riefen viele in Anlehnung an die bekannten Slogans des arabischen Frühlings.Israel gerät mit seiner Strategie, auch angesichts der dramatischen Umwälzungen in der arabischen Welt möglichst den Status quo zu bewahren, immer weiter in die internationale Isolation. Mit Besorgnis wurde zuletzt in Jerusalem registriert, dass US-Präsident Barack Obama seine Rede über die Entwicklungen in der arabischen Welt und Nahost schon am Donnerstag, also noch am Vorabend seines Treffens mit dem israelischen Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, halten will. Obama wolle Israel seine Vision für Nahost ohne größere Absprachen vorschreiben, wird nun befürchtet.Eine echte politische Bewegung Israels erscheint jedoch in der nahen Zukunft unwahrscheinlich: Denn wenn wie in den letzten zwei Jahren überwiegend Ruhe herrscht, blenden die meisten Israelis den schwelenden Konflikt in der Region gerne aus und spüren keine wirkliche Notwendigkeit zur Veränderung. Wenn es jedoch zu einer neuen Eskalation der Gewalt kommt, wie jetzt am Nakba-Tag, werden in der traumatisierten Gesellschaft wieder Urängste geweckt. Dann lautet die reflexartige Reaktion, man wolle sich mit Gewalt keine Lösung diktieren lassen und es gebe auf der palästinensischen Seite sowieso keinen verlässlichen Partner für eine Friedensregelung. dpa