Samstag, 14. Mai 2022

„Wir Europäer finanzieren diesen Krieg maßgeblich mit“

Er ist das Oberhaupt der Familien Habsburg, war ein langjähriger ÖVP-Politiker, ist seit 1994 Mitglied des Präsidiums der Paneuropa-Union und leitet seit 15 Jahren ein Medienunternehmen in der Ukraine: Karl Habsburg-Lothringen. Auf Einladung des Handels- und Dienstleistungsverbands Südtirol (hds) hat Habsburg am Freitagabend seine Einschätzung zum Krieg in der Ukraine geäußert und sich dabei kein Blatt vor den Mund genommen: Über den Einsatz von Massenvernichtungswaffen, über den Beginn des dritten Weltkriegs und über die zu schwachen Sanktionen der Europäer.

Karl Habsburg-Lothringen: „Die deutsche Politik tut so, als ob sie Russland gegenüber Verpflichtungen hätte.“ - Foto: © Veranstalter

Von:
Arnold Sorg
Der hds befindet sich derzeit auf einer 2-tägigen Klausur und diskutiert dabei die aktuell brennenden Themen – darunter auch den Ukraine-Krieg und seine Folgen.

„Es gibt derzeit wohl kaum jemanden, der besser geeignet wäre, die Situation in der Ukraine zu schildern“, sagte hds-Präsident Philipp Moser in seiner Einleitung. „Als Radiomacher ist Karl Habsburg mitten im Kriegsgeschehen und verfolgt dieses ungefiltert mit“, so Moser.


Es gibt derzeit wohl kaum jemanden, der besser geeignet wäre, die Situation in der Ukraine zu schildern.
Philipp Moser, hds-Präsident



Seit 2007, also seit 15 Jahren, betreibt Karl Habsburg in der ukrainischen Hauptstadt Kiew den Radiosender „Radio Kraina“. Seit Beginn des Kriegs hat er den Sender unbenannt in: „Kraina – Resistance Radio“. „Wir wollen den Ukrainern und den Geflüchteten als unabhängiges Radio Informationen geben, die sie sonst kaum noch bekommen“, so Habsburg. Denn eines sei Fakt, sagte er, obwohl es abgedroschen klinge: „Im Krieg bleibt die Wahrheit als erstes auf der Strecke.“


Wir haben begonnen, mit einem Laptop und mit Ohrstöpseln Radio zu machen und auf Sendung zu gehen.
Karl Habsburg-Lothringen



Wie aber funktioniert Radiomachen inmitten eines Krieges? „Eines stand nach Kriegsbeginn sofort fest: Wir wollten weiter Radio machen, auch wenn wir wussten, dass es schwer werden wird.“ Aber seine Mitarbeiter, so Habsburg, wollten unter keinen Umständen aufgeben. „Unser Studio in Kiew konnten wir nicht mehr verwenden.“ Also musste man improvisieren. „Wir haben begonnen, mit einem Laptop und mit Ohrstöpseln Radio zu machen und auf Sendung zu gehen.“ Gleichzeitig müsse man immer darauf achten, nicht gefunden zu werden.

Habsburg nennt diesen Krieg einen „Krieg zwischen 2 Ideologien“. Auf der einen Seite habe man Europa und die USA mit den westlichen Werten und auf der anderen Seite Russland mit einer autoritären Vorstellung von Staatsführung und der Planwirtschaft. Und eine Sache sei ganz klar und dürfe in endlosen Diskussionen nicht immer kleingeredet werden, sagte Habsburg: „Wladimir Putin will eine eurasische Vorherrschaft erreichen, das ist sein Ziel und das muss man ernstnehmen.“


Zudem müsse man endlich damit aufhören zu glauben, dass man mit dem aktuellen russischen Regime den Konflikt lösen kann. „Mit diesem Russland wird Europa nie eine gute Nachbarschaft haben können“, sagte Habsburg. Die EU müsse damit beginnen, in Russland eine Opposition zu unterstützen und nicht „diese Verbrecherbande, die seit 20 Jahren immer wieder ihr Wort bricht“. Man müsse dieses russische Regime so weit schwächen, dass es aufgeben muss, sagte er.

Was den Einsatz von Nuklearwaffen anbelangt, so sagte Habsburg, dass es nicht um die Frage gehe, ob Putin diese einsetzen wird, sondern wann er sie einsetzen wird. „Dazu muss man aber sagen, dass es sich dabei nicht um strategische Atomwaffen handeln wird, sondern um taktische.“ Will heißen: Atomwaffen, die im Umkreis von bis zu 5 Kilometern alles zerstören.


Ich hoffe inständig, dass ich mich irre, aber ich glaube, dass wir zweifelsohne am Beginn des dritten Weltkriegs stehen.
Karl Habsburg-Lothringen



„Die russische Führung betont immer wieder, dass der Westen keine rote Linie überschreiten soll, sonst werde es zum Einsatz solcher Waffen kommen.“ Es könne aber nicht sein, so Habsburg, dass es immer Putin ist, der eine rote Linie vorgebe. „Wir Europäer müssen die rote Linie vorgeben, die Putin nicht überschreiten darf.“

Was ein baldiges Ende des Krieges anbelangt, so dämpfte Habsburg alle Erwartungen: „Dieser Ermüdungskrieg, wie wir ihn derzeit in Donbass sehen, kann sich noch ein bis 2 Jahre oder länger hinziehen.“ Und Habsburg geht noch weiter: „Ich hoffe inständig, dass ich mich irre, aber ich glaube, dass wir zweifelsohne am Beginn des dritten Weltkriegs stehen.“ Kritiker sagten dazu, dass ja nur 2 Länder Krieg führen würden. „Momentan ja, aber das kann sich ändern“, so Habsburg.

Und Europa selbst tue viel zu wenig dafür, um diesen Krieg vorzeitig zu beenden: „Wir Europäer finanzieren diesen Krieg ja maßgeblich mit“, so Habsburg. „Bei allen Sanktionen, die der Westen bislang erlassen hat, wurden Gas und Öl immer außen vor gelassen.“ Natürlich würde eine solche Sanktion eine Einschränkung der Lebensqualität für die Europäer bedeuten. Aber nur eine solche Sanktion würde Russland wirklich ins Mark treffen.


Die deutsche Politik tut so, als ob sie Russland gegenüber Verpflichtungen hätte.
Karl Habsburg-Lothringen



Dann rechnete Habsburg vor, wie viel Geld Europa tagtäglich an Russland durch die Energielieferungen bezahlt: Täglich eine Milliarde Dollar, seit Kriegsbeginn also über 60 Milliarden Dollar. „An die Ukraine zahlt die EU hingegen nur einen kleinen Teil dieser Summe an Hilfsgeldern.“ Das sei absolut inakzeptabel, so Habsburg. Als geradezu „jämmerlich“ bezeichnete er die Haltung Deutschlands in diesem Konflikt: „Die deutsche Politik tut so, als ob sie Russland gegenüber Verpflichtungen hätte.“


Was die Europäische Union anbelangt, so sagte Habsburg, dass der Druck aus Russland dazu geführt habe, dass es in der EU wieder ein Einheitsgefühl gebe, wie schon lange nicht mehr. „Es bleibt zu hoffen, dass dies nun langfristig anhält.“ Aber, so Habsburg, „ich bin Realist genug, um zu wissen, dass es immer wieder Rückschritte geben wird.“

Alle Berichte zum Krieg in der Ukraine lesen Sie hier.

sor

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