Donnerstag, 20. Februar 2020

Pressekonferenz: Mutmaßlicher Täter von Hanau ist der Deutsche Tobias R.

Bei einem mutmaßlich rechtsradikalen und rassistischen Anschlag hat ein 43-jähriger Deutscher im hessischen Hanau zehn Menschen und sich selbst erschossen. Der Generalbundesanwalt zog den Fall noch in der Nacht zu Donnerstag an sich und ermittelt nun wegen Terrorverdachts. Die deutsche Bundesanwaltschaft hat um 15 Uhr eine Erklärung zu dem Anschlag abgegeben.

Tobias R.
Tobias R. - Foto: © ANSA / YOUTUBE
Der mutmaßliche Todesschütze Tobias R. kommt Behördenangaben zufolge aus Hanau. Bei der Gewalttat am späten Mittwochabend an mindestens vier verschiedenen Tatorten in Hanau seien neun Menschen gestorben, sagte Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) am Donnerstag im Landtag in Wiesbaden. Nach der Tat habe der Sportschütze in seiner eigenen Wohnung erst seine Mutter und dann sich selbst erschossen.

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Insgesamt kamen in Folge der Gewalttat elf Menschen ums Leben. Außerdem wurde ein Mensch schwer verletzt und mehrere andere verletzt.
Der Generalbundesanwalt stufe das Verbrechen als „Verdacht einer terroristischen Gewalttat ein“, sagte Beuth. Noch heute Nachmittag will die deutsche Bundesanwaltschaft eine Erklärung zu dem rassistischen Anschlag von Hanau abgeben. Dann werde über den aktuellen Stand der Ermittlungen informiert, teilte die Karlsruher Behörde am Donnerstag mit.

Sowohl in Deutschland als auch international wurde mit Bestürzung auf die Gewalttat reagiert. So sagte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zu Mittag: „Rassismus ist ein Gift, der Hass ist ein Gift. Und dieses Gift existiert in unserer Gesellschaft und es ist Schuld an schon viel zu vielen Verbrechen.“ Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich zudem solidarisch mit den Opfern erklärt und will im Laufe des Nachmittags nach Hanau reisen. „Ich stehe an der Seite aller Menschen, die durch rassistischen Hass bedroht werden. Sie sind nicht allein.“

Der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen bezeichnete „die Nachrichten über die mutmaßlich rassistisch & rechtsextrem motivierten Morde“ in Hanau als schrecklich. „Eine solche verabscheuungswürdige Tat ist auf das Schärfste zu verurteilen. Unser Mitgefühl ist bei den Opfern, ihren Angehörigen, Freundinnen und Freunden“, schrieb er auf Twitter. Auch vom Französischen Staatschef Emmanuel Macron, von der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sowie vom Türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan kamen heute Beileidsbekundungen für die Opfer.

Merkel und auch der deutsche Innenminister Horst Seehofer (CSU) sagten ihre heutigen Termine ab um nach Hanau zu reisen. Seehofer und die deutsche Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) kamen dort am Nachmittag an um sich über die Hintergründe der Tat zu informieren. Die SPD hat überdies zu einer Mahnwache vor dem Brandenburger Tor in Berlin am Donnerstagabend aufgerufen. „Wir müssen ein Zeichen setzen. Gegen den rechten Terror, gegen den rechten Hass, gegen Faschismus“, schrieb Generalsekretär Lars Klingbeil am Donnerstag auf Twitter.

Über den Tathergang ist bisher folgendes bekannt: Der 43-jährige Todesschütze habe am späten Mittwochabend in zwei Shisha-Bars und in einem Kiosk das Feuer eröffnet und dabei neun Menschen erschossen. Der Mann habe allein gehandelt, sagte der hessische Innenminister Peter Beuth. Als Sportschütze soll er legal Waffen besessen haben. Er hinterließ eine Videobotschaft und ein Bekennerschreiben. Die Bundesanwaltschaft geht von rechtsextremistischen Motiven aus. Darauf lasse etwa eine Homepage schließen, aus der sich ein mutmaßlicher rechter Hintergrund des Mannes ergebe. Die Ermittlungen liefen.
Alle neun Opfer seien Menschen mit Migrationshintergrund gewesen, wie die Deutsche Presse-Agentur am Donnerstag aus Sicherheitskreisen erfuhr. Zudem hätten vier der fünf Verletzten ausländische Wurzeln gehabt.

Medienberichten zufolge sollen mehrere Opfer kurdischer Abstammung sein. Die Konföderation der Gemeinschaften Kurdistans in Deutschland prangerte Versäumnisse des Staates an. „Wütend sind wir, weil die politischen Verantwortlichen in diesem Land sich rechten Netzwerken und Rechtsterrorismus nicht entschieden entgegenstellen“, so der Dachverband. Die Rhetorik der AfD und deren Verharmlosung durch Medien und Politiklandschaft „bereiten den Nährboden für den rechten Terror in Deutschland“.

Auch der deutsche Grünen-Politiker Cem Özdemir warnte davor, die Gefahr von Rechts zu verharmlosen. „Nach NSU, Lübcke und Halle reden manche immer noch von Einzeltätern. Damit muss endlich Schluss sein“, sagte Özdemir den Zeitungen der Funke Mediengruppe.
„Das ist weder rechter noch linker Terror, das ist die wahnhafte Tat eines Irren“, twitterte indessen der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen. „Jede Form politischer Instrumentalisierung dieser schrecklichen Tat ist ein zynischer Fehlgriff.“

Am Tatort war die Straße Heumarkt im Herzen Hanaus am Donnerstagmorgen weiträumig gesperrt. Die Straße liegt in unmittelbarer Nähe des historischen Marktplatzes mit dem Rathaus und Brüder-Grimm-Denkmal. Die Shisha-Bar „Midnight“ wurde von Streifenpolizisten bewacht, Beamte in weißen Overalls von der Spurensicherung waren hier im Einsatz wie auch in der benachbarten Bar „La Votre“. Vor der Bar ist auf dem Bürgersteig eine kreisrunde Markierung zu erkennen. „Das ist unglaublich“, sagte Chokri Kaita, der in einem Fischgeschäft nahe des Tatortes arbeitet. Er habe jetzt Angst, dass so etwas noch mal passiere. „Ich dachte, das wäre eine saubere Stadt, und sicher“, sagte der 44-Jährige.

dpa