Montag, 05. September 2016

Heute 70 Jahre Gruber-Degasperi-Abkommen

Am 5. September 1946 wurde jenes viel diskutierte Dokument in Paris unterschrieben, auf dem die heutige Südtirol-Autonomie basiert: das Gruber-Degasperi-Abkommen. 70 Jahre später werden am Montag, dem Tag der Autonomie, die Geschehnisse von damals kritisch beleuchtet.

Der berühmte Handschlag zwischen Karl Gruber (rechts) und Alcide Degasperi (links).
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Der berühmte Handschlag zwischen Karl Gruber (rechts) und Alcide Degasperi (links).

Jede Landesgeschichte hat ihre Schlüsselereignisse, ihre besonderen historischen Momente, die nicht nur die Geschichte eines Landes, sondern auch seine Gegenwart prägen - und Einfluss auf das Selbstverständnis seiner Gesellschaft nehmen.

Prominent besetzte Tagung – aber auch Kritik

In Südtirols Vergangenheit gibt es mehrere solcher Ereignisse, eines davon ist das Pariser Abkommen, besser als Gruber-Degasperi-Abkommen bekannt. Am Montag diskutieren auf Schloss Sigmundskron Historiker den historischen Kontext und politischen Output. Unter den Gästen wird auch Politprominenz aus Österreich und Italien erwartet: die Außenminister Sebastian Kurz und Paolo Gentiloni haben sich angemeldet. Im Vorfeld des "Tags der Autonomie" wurde aber auch Kritik geäußert, für Freiheitliche, Heimatbund und Süd-Tiroler Freiheit ist der 5. September "kein Grund zum Feiern".

Südtiroler wollten zurück nach Österreich

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges stellte sich die Frage, ob Südtirol wieder ein Teil Österreichs werden könne, eine Südtiroler Hoffnung, die sich nicht erfüllen sollte – die Alliierten wollten Italien mit einer solchen Entscheidung nicht brüskieren bzw. befürchteten einen steigenden sowjetischen Einfluss auf Österreich.

Die Autonomie als „Lösung“ der Südtirolfrage

Eine Autonomie für die deutschsprachige Bevölkerung Südtirols erschien einigen der big players als mögliche Lösung dieser heiklen und sensiblen Frage. Die Mehrheit der Südtiroler favorisierte hingegen die Selbstbestimmung - man wollte ins alte Vaterland zurück.

Nach längeren Verhandlungen zwischen Österreich und Italien  —  auch Südtiroler nahmen an den Pariser Gesprächen teil  —  schien man sich auf eine Autonomielösung geeinigt zu haben:

„Den deutschsprachigen Einwohnern der Provinz Bozen und der benachbarten zweisprachigen Ortschaften der Provinz Trient wird volle Gleichberechtigung mit den italienischsprachigen Einwohnern im Rahmen besonderer Maßnahmen zum Schutze des Volkscharakters und der kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung des deutschsprachigen Bevölkerungsteiles zugesichert werden“ – so der erste Satz des Textes, auf den man sich geeinigt hatte.

Der österreichische Außenminister Karl Gruber und der italienische Ministerpräsident Alcide Degasperi unterschrieben das Abkommen, es wurde als Annex in den italienisch-österreichischen Friedensvertrag aufgenommen.

 „Los von Trient“ lautete die Südtiroler Forderung

Der Text, den die beiden Spitzenpolitiker verhandelt hatten, entpuppte sich im weiteren Verlauf der Ereignisse – aus Südtiroler Sicht – als Farce. Die Autonomie wurde von Seiten Italiens auf die gesamte Region, also auch auf das Trentino ausgedehnt – von einem Minderheitenschutz im eigentlichen Sinne des Wortes konnte keine Rede sein.

Die Mehrheit des Regionalrates, der die politischen Geschicke leitete, war italienisch dominiert, die Südtiroler Anliegen standen nicht im Vordergrund. Der aus Tirol stammende Außenminister Karl Gruber war aufgrund dieses Umstandes jahrelang, teilweise auch heute noch, harscher Kritik ausgesetzt. Er hätte sich über den Tisch ziehen lassen hieß es, Alcide Degasperi habe hingegen jene Autonomie für „sein“ Trentino bekommen, die er immer haben wollte.

Verweigerte Autonomie prägte weiteren Verlauf  

Der Umstand der „verweigerten Autonomie“ stieß unter den Südtirolern, aber auch in Österreich auf Widerstand und prägte die weiteren Entwicklungen der Ereignisse: Das 1. Autonomiestatut, das 1948 erlassen wurde, war keines.

Am Montag beleuchten auf Schloss Sigmundskron  – an dem am 17. November 1957 mehr als 30.000 Südtiroler das "Los von Trient" und eine tatsächliche Autonomie forderten – die Historiker Eva Pfanzelter, Andrea Di Michele, Michael Gehler und Rolf Steininger die Jahre zwischen 1945 und 1948. Eingeladen wurden sie von Landeshauptmann Arno Kompatscher, der auch den italienischen Außenminister Paolo Gentiloni und den österreichischen Außenminister Sebastian Kurz begrüßen wird.

Stellungnahmen: Kritik an Abkommen und Personen

Im Vorfeld der Tagung wurde auch Kritik von mehreren Seiten laut: Pius Leitner von den Freiheitlichen meinte etwa: „Gedenken ja  —  feiern nein!“ Einige Hürden seien auch 2016 noch nicht überwunden. Der Heimatbund, allen voran Roman Lang, erinnerte daran, dass die Südtiroler nie die Gelegenheit hatten über ihre territoriale Zukunft abzustimmen und Bernhard Zimmerhofer von der Süd-Tiroler Freiheit befürchtet, dass „die linientreuen Historiker“ wohl einseitige Geschichtsdarstellungen vorbringen würden.

Auch 70 Jahre nach dem Gruber-Degasperi-Abkommen gehen die Positionen zur Autonomie noch immer auseinander – und im Autonomiekonvent, der das aktuelle Autonomiestatut durchleuchtet, soll schlechte Stimmung herrschen.

stol/aw

stol