Mittwoch, 12. Dezember 2018

Höchste Terrorwarnstufe in Frankreich

Nach einer Schießerei auf einem Straßburger Weihnachtsmarkt am Dienstagabend mit drei Toten und 13 Verletzten rief die französische Regierung die höchste Terrorwarnstufe für das Land aus. Im Zuge des Anti-Terror-Plans Vigipirate wurde die Warnstufe auf das höchste Niveau „urgence attentat” (”Notfall Anschlag”) angehoben, wie Innenminister Christophe Castaner in der Nacht auf Mittwoch sagte.

Die Polizei patrouilliert durch die Straßen von Straßburg Foto: APA (AFP)
Die Polizei patrouilliert durch die Straßen von Straßburg Foto: APA (AFP)

Bisher galt in Frankreich die zweithöchste Stufe „Verstärkte Sicherheit - Anschlagsrisiko”. Auf allen französischen Weihnachtsmärkten würden die Sicherheitskontrollen verschärft, um Nachahmungstaten zu verhindern, sagte Castaner. Auch die Grenzkontrollen sollen verstärkt werden. Außerdem würden die Soldatenpatrouillen in Frankreich ausgeweitet.

Bei der Attacke wurden nach Castaners Worten drei Menschen getötet (STOL hat berichtet). Zuvor hatte Straßburgs Bürgermeister Roland Ries von vier Toten gesprochen. Die Zahl der Verletzten stieg nach Angaben der Präfektur auf 13. Davon seien acht schwer und fünf leichter verletzt, wie die Präfektur des Departments Bas-Rhin Mittwochfrüh mitteilte.

Zuvor war von zwölf Verletzten die Rede gewesen. Die Abriegelungsmaßnahmen in Teilen der Innenstadt wurden in der Nacht aufgehoben. Jeder sei aufgefordert, aufmerksam zu sein und sich an die Sicherheitsvorschriften zu halten, hieß es weiter.

Täter polizeibekannt

Obwohl Anti-Terror-Spezialisten die Ermittlungen im Fall des Anschlags übernommen haben, will sich das französische Innenministerium nicht auf ein terroristisches Motiv des Täters festlegen. Ein terroristischer Hintergrund sei im Moment noch nicht sicher, sagte der Staatssekretär im Innenministerium, Laurent Nunez, Mittwoch früh dem Sender RTL.

Der mutmaßliche Täter sei zwar polizeibekannt gewesen, allerdings bisher nicht im Zusammenhang mit Terrorismus. Er sei mehrfach im Gefängnis gewesen und dort sei auch eine Radikalisierung festgestellt worden, „allerdings nur in der religiösen Praxis”. Zuvor war bekannt geworden, dass der Täter auf der Sicherheitsakte „Fiche S” geführt worden sei - einer Liste von Personen, die verdächtigt werden, radikalisiert zu sein.

Schusswechsel mit Sicherheitskräften 

Bei der Flucht hätte sich der Angreifer zwei Mal Schusswechsel mit Sicherheitskräften geliefert, sagte Castaner. An der Suche nach dem 29-Jährigen seien derzeit 350 Sicherheitskräfte beteiligt. Unterstützt wurden diese unter anderem von zwei Hubschraubern. Der Mann sei der französischen Justiz bekannt gewesen, sagte Castaner. Demnach wurde er in der Vergangenheit auch in Deutschland verurteilt.

Derweil sicherte Staatschef Emmanuel Macron den Opfern des Angriffs die Solidarität Frankreichs zu. „Solidarität der gesamten Nation mit Straßburg, unseren Opfern und ihren Familien”, schrieb Macron im Kurzbotschaftendienst Twitter.

Der Tatverdächtige wird immer noch gesucht. Das sagte der Bürgermeister des elsässischen Metropole, Roland Ries, am Mittwoch im Radiosender Europe 1. Polizisten hätten den Mann am Dienstagabend bemerkt und stellen wollen, dieser sei aber nach einem Schusswechsel verschwunden. Ries sagt, für die Stadt beginne ein Tag der Trauer. Der Weihnachtsmarkt werde geschlossen bleiben.

Flucht nach Deutschland? 

Die französische Regierung schließt nicht aus, dass der Straßburger Attentäter nach Deutschland geflüchtet sein könnte. „Aber was ich sagen möchte, ist, dass natürlich sofort die Grenzschließung sichergestellt wurde und Straßburg (...) abgeriegelt wurde”, sagte der Staatssekretär im Innenministerium, Laurent Nunez, am Mittwochmorgen dem Sender RTL. Dass der Täter dennoch ins benachbarte Deutschland geflohen sein könnte, könne aber nicht ausgeschlossen werden.

Ein Sprecher der deutschen Bundespolizei teilte mit, dass mehrere Grenzübergänge von Deutschland nach Frankreich kontrolliert würden. Pendler von Deutschland nach Frankreich müssten sich auf Wartezeiten bis zu 90 Minuten einstellen, hieß es in der Früh.

Nicht nur der Straßenverkehr, sondern auch der öffentliche Nahverkehr werde überprüft. Dazu zählt auch die grenzüberschreitende Tram D. Diese war in der Nacht bereits komplett gesperrt worden, inzwischen fährt sie aber wieder. Laut Polizei wird auch die Fußgänger- und Radfahrerbrücke Passerelle des Deux Rives zwischen Kehl und Straßburg kontrolliert.

Ausnahmezustand im EU-Parlament

Der tödliche Anschlag hat auch die Abgeordneten des EU-Parlaments in eine Ausnahmesituation gebracht. Über Stunden hinweg saßen die Volksvertreter in dem Parlamentsgebäude in der Stadt im Elsass fest. Am frühen Mittwochmorgen teilte Parlamentspräsident Antonio Tajani seinen im Plenarsaal versammelten Kollegen dann mit, sie dürften das Parlamentsgebäude abseits des Stadtzentrums verlassen - allerdings nur auf eigenes Risiko. Wer ins Stadtzentrum hinein wolle, dürfe dies ausschließlich in einem von der Polizei gesicherten Konvoi, betonte Tajani. „Es ist unmöglich, ohne solch einen Konvoi ins Zentrum zu gelangen”, fügte er hinzu.

Bei dem Terroranschlag wurde auch ein Tourist aus Thailand getötet. Das Außenministerium in Bangkok bestätigte am Mittwoch, dass es sich bei einem der Opfer um einen 45 Jahre alten Mann handelt, der zusammen mit seiner Frau zu einem Urlaub in Frankreich war. Das Paar war erst wenige Stunden zuvor eingetroffen. Die Frau blieb dem Ministerium zufolge unverletzt. Nach Medienberichten starb der Thailänder durch einen Schuss in den Kopf.

apa/dpa/stol

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