Samstag, 15. Januar 2022

„Ich möchte meinen Anstand bewahren“

„Die Grundregeln der Demokratie und des zivilisierten Umganges miteinander scheinen bei so manchem entweder noch nie gelernt worden oder in Vergessenheit geraten zu sein.“ Ein Kommentar von Isabelle Hansen.

„Wer, wie in Kolumnen wie dieser, seine Meinung äußert, weiß ein Lied davon zu singen. Und leichter als in privaten Gesprächen beschimpft man unbekannte Personen, denen man nie begegnen wird“, schreibt Isabelle Hansen.
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„Wer, wie in Kolumnen wie dieser, seine Meinung äußert, weiß ein Lied davon zu singen. Und leichter als in privaten Gesprächen beschimpft man unbekannte Personen, denen man nie begegnen wird“, schreibt Isabelle Hansen. - Foto: © Shutterstock
Wer seine Meinung äußert, macht sich angreifbar. Er bietet ein Ziel – und braucht nur zu warten, die Angriffe kommen. So lange alles sachlich bleibt, echte Argumente ins Feld geführt werden und der Anstand gewahrt bleibt, ist das auch in Ordnung.

Doch diese Grundregeln der Demokratie und des zivilisierten Umganges miteinander scheinen bei so manchem entweder noch nie gelernt worden oder in Vergessenheit geraten zu sein. Wer, wie in Kolumnen wie dieser, seine Meinung äußert, weiß ein Lied davon zu singen. Und leichter als in privaten Gesprächen beschimpft man unbekannte Personen, denen man nie begegnen wird, denen man nicht in die Augen sieht, wenn man seine Hasstiraden auskotzt.

Das Netz ist voll davon. Als erzieherisches Kollektiv haben wir eindeutig versagt. Anstand scheint keine Grundhaltung mehr zu sein, sondern ein zufälliges Produkt, das stark von der räumlichen Nähe des Gegenübers abhängt. Obwohl dieses Phänomen zumindest so alt ist wie das Internet, aber wohl noch viel älter, nur früher weniger offensichtlich, macht es mich noch immer und immer wieder sprachlos, welch hemmungslose Ungezogenheiten teils verbreitet werden.





Und nein, ich will mich nicht daran gewöhnen. Ich will zumindest für mich persönlich die Grenze des Anstandes immer noch erkennen können. Wie man diese jedoch Menschen aufzeigt, die sie schon längst überschritten haben? Keine Ahnung. Ebenso wenig weiß ich, was man mit Personen macht, die jeglichen Sinn für Realität und Verhältnismäßigkeit verloren haben.

Was macht man mit einer Person (und einer Zuschrift), die überzeugt ist, bei der Corona- und Impfdiskussion gehe es schon lange nicht mehr um das Virus und den Impfstoff? Es gehe viel mehr um Krieg. Wortwörtlich: „Wir befinden uns im Krieg“. Ich gestehe, mich hat schon lange keine Reaktion mehr so gebeutelt wie diese.

Man möchte die Person schütteln, bis sie wieder klar denken kann. Krieg! Welche Bilder kommen einem da in den Sinn? Mir als gebürtigen Bundesdeutschen kommen sofort die Bilder der im 2. Weltkrieg völlig ausgebombten deutschen Großstädte in den Sinn. Die Erzählungen meiner Mutter von den vielen Nächten im Bunker, wenn Fliegeralarm war. Die Angst, am nächsten Morgen das eigene Zuhause in Trümmern vorzufinden.

Mir fällt mein Großvater ein, den ich nie kennengelernt habe, weil er im damaligen Stalingrad in russische Kriegsgefangenschaft geraten ist und sie nicht überlebt hat. Mir kommen die Bilder aus Syrien in den Sinn, die zerschossenen Häuser, die menschenleeren Straßen und brennenden Gebäude.

Das ist Krieg! Das möchte ich der Person ins Gesicht schreien, aber dann vergesse wohl auch ich meinen Anstand. Und so schweige ich – sprachlos!

stol

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