Der 23-jährige Verkäufer liegt in einem Krankenhaus im türkischen Antakya, denn wer es irgendwie schafft, flieht derzeit vor der blutigen Gewalt in Syrien. Polizisten in Zivil, aber auch iranische Soldaten hätten am 20. Mai nach dem Freitagsgebet in Idlib im Nordwesten Syriens das Feuer auf Demonstranten eröffnet, die „Nieder mit dem Regime“ riefen, erzählt Mustafa. „Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen: Noch am Vortag hatten wir die Männer angefleht, uns nicht anzugreifen, aber sie sprachen kein Wort Arabisch.“Viele verletzte Syrer, die sich bis in das Nachbarland schleppen konnten, bezeugen, beim Vorgehen gegen Demonstranten iranische Soldaten neben syrischen Sicherheitskräften gesehen zu haben. Der Iran bestreitet freilich, in die Unterdrückung der Protestbewegung in Syrien verwickelt zu sein. Doch die syrischen Augenzeugen haben zahlreiche Indizien: „Sie trugen einen Bart, obwohl das in der syrischen Armee verboten ist“, sagt Mustafa. Und sie trugen schwarze Uniformen – solche gibt es in Syriens Militär aber nicht.In einem zweiten Krankenhaus in Antakya im Süden der Türkei erzählt auch der 17-jährige Student Akram von den „Männern in Schwarz“. In jener besonders blutigen Woche rund um den 20. Mai hätten sie auf Bewohner in seinem Dorf nahe Idlib geschossen. „Das waren alles Scharfschützen“, sagt der Syrer, der selbst am Bein getroffen wurde. „Und sie hatten Waffen, die wir hier noch nie gesehen haben.“ Akram ist sich sicher: „Das waren Iraner. Das waren Bassij-Milizen.“ Die regierungstreue iranische Bassij-Miliz untersteht den Revolutionsgarden.Männer mit langen Bärten und rasierten Schädeln hat auch der 23-jährige Velit gesehen. Sie hatten auf ihn geschossen, als er Verletzten helfen wollte.„Das waren riesige, robuste Kerle.“ Zwar will er sich nicht festlegen, dass es Iraner waren. „Aber Syrer waren das nicht.“ Auch zu einer Sondermiliz des syrischen Militärs, die schwarze Uniformen trägt, gehörten sie nicht. „Die kennen wir.“Da ausländischen Journalisten der Zutritt zu Syrien verwehrt wird, ist es beinahe unmöglich, die Berichte zu prüfen. Doch bereits Ende Mai hatte die „Washington Post“ berichtet, der Iran berate Syrien bei der Unterdrückung der Proteste gegen Staatschef Bashar al-Assad. So soll Teheran „Experten“ nach Damaskus entsandt haben, hieß es aus US-Regierungskreisen. Syrien ist der wichtigste Verbündete des Iran in der Region.Die Situation im Land gerät immer mehr außer Kontrolle. Am Montag behauptete die Staatsmacht, „bewaffnete Banden“ hätten in Jisr al-Shugour im Nordwesten 120 Polizisten getötet. Opposition und Menschenrechtsaktivisten sprachen hingegen von einer Meuterei in den eigenen Reihen – offenbar, nachdem sich Sicherheitskräfte geweigert hatten, auf Demonstranten zu schießen. Spätestens, seit die syrische Armee am Freitag eine Militäraktion in Jisr al-Shugour startete, vermutlich als Vergeltung, scheint dem Land ein blutiger Bürgerkrieg zu drohen.Assad sehe sich nun mit einer „Rebellion in verändertem Ausmaß“ konfrontiert, sagt etwa Mohamad Bazzi vom Council on Foreign Relations in New York. Sollte die Armee wirklich mit Härte in Jisr al-Shugour vorgehen, drohten weitere Abspaltungen und Übertritte zur Opposition, meint er. „Assad verliert damit sein Argument, als einziger die Stabilität garantieren zu können.“ Syriens Opposition gilt zudem mittlerweile als besser organisiert.Auf ihrem Weg nach Jisr al-Shugour bombardierte die syrische Armee laut einem Augenzeugen umliegende Dörfer, zündete Getreidefelder an und terrorisierte die Dorfbewohner. Die Staatsmacht behauptet, nur bewaffnete Banden festnehmen zu wollen und „auf Wunsch der Bevölkerung“ nach Jisr al-Shugour gekommen zu seien. Doch die meisten Bewohner haben die Stadt aus Angst vor Assads Truppen längst verlassen. apa/afp