Freitag, 27. November 2020

Iranischer Atomphysiker und Raketenspezialist ermordet

Ein hochrangiger iranischer Atomphysiker und Raketenspezialist ist im Iran einem Mordanschlag zum Opfer gefallen. „Wir geben hiermit den Märtyrertod von Doktor Mohsen Fakhrizadeh bekannt“, erklärte das Teheraner Verteidigungsministerium am Freitag im Staatsfernsehen.

Das Auto von Mohsen Fakhrizadeh (63) nach dem Anschlag, durch den er ums Leben kam.
Das Auto von Mohsen Fakhrizadeh (63) nach dem Anschlag, durch den er ums Leben kam. - Foto: © APA/afp / -
Der iranische Außenminister Mohammad Javad Zarif erklärte, es gebe ernsthafte Hinweise auf eine Rolle Israels bei der Ermordung des iranischen Atomwissenschaftlers. Auf Twitter rief Zarif die internationale Gemeinschaft, „insbesondere die EU“, dazu auf, „ihre schändlichen doppelten Standards aufzugeben und diesen Akt des Staatsterrors zu verurteilen“.

Dem iranischen Verteidigungsministerium zufolge wurde Fakhrizadeh am Freitag „von Terroristen“ in seinem Wagen angeschossen und schwer verletzt. Er sei später im Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen. Medienberichten zufolge soll Fakhrizadeh in Ab-e Sard, einem Vorort östlich der Hauptstadt Teheran, erschossen worden sein. Örtliche Behörden bestätigten den Tod des Physikers und auch einiger Angreifer.

Der 63-jährige Kernphysiker Fakhrizadeh war Mitglied der iranischen Revolutionsgarden gewesen und war ein Experte für die Herstellung von Raketen. Daher sollen nach Angaben der Nachrichtenagentur FARS israelische Geheimdienste jahrelang bemüht gewesen sein, ihn auszuschalten. Zuletzt leitete Fakhrizadeh die Abteilung für Forschung und technologische Erneuerung im Verteidigungsministerium.

Für Verwirrung sorgte kurzfristig der Sprecher der iranischen Atomorganisation AEOI, der die Berichte dementierte. „Unsere Atomwissenschaftler sind alle gesund“, sagte Behrouz Kamalvandi der Nachrichtenagentur ISNA. Angeblich war Fakhrizadeh nicht mehr Teil der AEOI gewesen, was das Dementi erklären würde.

Während Fakhrizadeh in den Staatsmedien als „Märtyrer“ bezeichnet wurde, steht er bei westlichen Staaten und in Israel sowie bei im Exil lebenden Gegnern der iranischen Führung im Verdacht, der Architekt eines verdeckten Atomwaffenprogramms gewesen zu sein, das 2003 eingestellt worden sei. Die Islamische Republik bestreitet seit langem, nach Atomwaffen zu streben.

Die Internationalen Atomenergiebehörde IAEA nannte Fakhrizadehs Namen in einem Abschlussbericht im Zusammenhang mit offenen Fragen zum iranische Atomprogramm und insbesondere darüber, ob es auf die Entwicklung einer Atombombe abzielte. In dem Bericht der IAEA aus dem Jahr 2015 heißt es, Fakhrizadeh habe die Aktivitäten „zur Unterstützung einer möglichen militärischen Dimension des (iranischen) Nuklearprogramms“ im Rahmen des sogenannten AMAD-Plans überwacht.

Israel hat den AMAD-Plan auch als das geheime Atomwaffenprogramm des Iran bezeichnet. Laut dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu soll Fakhrizadeh weiter für das Verteidigungsministerium in Teheran an „Spezialprojekten“ gearbeitet haben. Laut „Jerusalem Post“ hatte Netanyahu 2018 über den Atomphysiker gesagt: „Erinnert euch an diesen Namen“. Zuvor waren dem Mossad 100.000 Seiten aus den iranischen Geheimarchiven zum Atomprogramm in die Hände gefallen

Das Büro Netanyahus gab zum Tod des Wissenschaftlers keine Stellungnahme ab. Auch das US-Verteidigungsministerium kommentierte den Anschlag auf Anfrage von Reuters nicht.

apa