Donnerstag, 22. Oktober 2020

Italien protestiert bei Frankreich wegen Mont-Blanc-Grenze

„Hände weg vom Mont Blanc“: Italiens Regierung hat Frankreich eine offizielle Protestnote übermittelt, mit der sich Rom über Maßnahmen bezüglich des Naturschutzgebiets Mont Blanc beschwert, die von der französischen Präfektur Haute-Savoie ergriffen wurden und auch Gebiete unter italienischer Souveränität betreffen.

Der Mont Blanc ist der höchste Berg der Alpen.
Der Mont Blanc ist der höchste Berg der Alpen. - Foto: © shutterstock
„Diese einseitigen Maßnahmen werden auf italienischem Gebiet keine Wirkung haben und werden von Italien nicht anerkannt“, schrieb Außenminister Luigi Di Maio.

Die vom Minister erwähnten „einseitigen Maßnahmen“ betreffen die Einrichtung eines Gebiets zum Schutz der natürlichen Lebensräume am Mont Blanc durch die Präfektur Haute-Savoie am 1. Oktober. Dabei handelt es sich um Schritte, die verschiedene Verbote zum Schutz des Berges vor einer Überzahl an Touristen vorsehen.

Vorgeschrieben ist unter anderem ein Verbot des Überflugs mit Gleitschirmen und der Aufstieg auf den Berg von nicht ausreichend ausgerüsteten Touristen. Der Umfang des Schutzgebiets erstreckt sich über eine Fläche von 3175 Hektar.

Das gigantische Gletschergebiet ist Teil des zentralen Areals, in dem sich die Berghütte Turin und die Seilbahn-Haltestelle „Punta Helbronner“ befinden. Beide sind vom italienischen Dorf zu Füßen des Mont Blanc, Courmayeur, aus erreichbar sind und stehen unter italienischer Kontrolle. Dabei handelt es sich um ein Gebiet, das aufgrund des Vertrags von 1860 zwischen dem damaligen Königreich Sardinien und Frankreich unter italienischer Souveränität steht.

„Di Maio ist endlich aufgewacht“

Rechte italienische Parteien begrüßten den Protestbrief des Außenministers. „Di Maio ist endlich aufgewacht“, kommentierte der Fraktionschef der Fratelli d'Italia (FdL) in der Abgeordnetenkammer, Francesco Lollobrigida, der in der Vergangenheit eine parlamentarische Anfrage zu diesem Thema eingebracht hatte.

FdI-Parteichefin Giorgia Meloni sprach von einer „inakzeptablen, französischer Invasion in das Gebiet des Mont Blancs“. „Frankreich verletzt unsere Grenzen. Wir können keinen weiteren Angriff auf Italien tolerieren“, twitterte Meloni. Die Europaabgeordnete der rechten Lega, Silvia Sardone, brachte im Europäischen Parlament eine Anfrage zu dem Thema ein.

Frankreich zu Zusammenarbeit bereit

Di Maios Protestbrief stößt nicht auf taube Ohren. Laut diplomatischen Quellen habe Paris „höchste Bereitschaft zur Zusammenarbeit“ geboten und „Offenheit für italienische Bedürfnisse“ gezeigt.

Der Mont Blanc an der Grenze zwischen Frankreich und Italien ist mit 4810 Metern Höhe der höchste Berg der Alpen und der EU. Sowohl Frankreich als auch Italien haben Anteil an dem Gipfel, wobei der Grenzverlauf seit langem umstritten ist. So beansprucht Frankreich die Gipfelregion des Mont Blanc für das französische Departement Haute-Savoie, das auch die Bergwacht und Verwaltung übernimmt. Italien vertritt die Auffassung, die Grenze verlaufe genau über den Gipfel.

Die Protestnote Italiens an Frankreich wurde eineinhalb Jahre nach der schwersten diplomatischen Krise zwischen Rom und Paris eingereicht, die im Februar 2019 in einer einwöchigen Abberufung des französischen Botschafters in Rom, Christian Masset, gipfelte. Nach einem unangemeldeten Besuch des damaligen italienischen Vize-Regierungschefs Di Maio bei Aktivisten der regierungskritischen „Gelbwesten“ in Frankreich hatte Paris seinen Botschafter aus Rom vorübergehend zurückbeordert.

Schon vorher hatte es erhebliche Irritationen gegeben. Die damalige italienische Regierung aus rechter Lega und Di Maios europakritischer Fünf-Sterne-Bewegung hatte den sozial-liberalen, französischen Präsidenten Emmanuel Macron immer wieder attackiert.

apa/stol