Dienstag, 22. November 2016

Juncker-Polemik: Nun streitet die Opposition

„Diese Region ist eine Modellregion in Europa, hier herrscht ein Identitätsdreiklang: Südtiroler, Italiener, Europäer“, hat Jean-Claude Juncker, der EU-Kommissionspräsident, am Freitag zu Beginn seiner Rede an der Freien Universität Bozner freudig festgestellt. Der Nachklang seines Bozner Besuchs ist allerdings kein intellektueller, es ist ein polemischer. Die Opposition streitet: Nicht über die Rede, nicht über den Besuch, sondern darüber wie Jean-Claude Juncker empfangen worden ist.

Elmar Thaler, Jean-Claude Juncker und Arno Kompatscher am Freitag.
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Elmar Thaler, Jean-Claude Juncker und Arno Kompatscher am Freitag.

Die Szenen, die die Anwesenden am vergangenen Freitagvormittag vor dem Palais Widmann in Bozen zu sehen bekamen, waren nicht unüblich. Der Besuch von EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker, der an der Freien Universität Bozen im Rahmen der Tagung „70 Jahre Pariser Vertrag“ referierte, wurde von einem „landesüblichen Empfang“ begleitet (STOL hat berichtet) - nicht der erste für einen Politiker.

Sprich, Juncker wurde nicht nur von Landeshauptmann Arno Kompatscher, sondern auch von einer Formation aus Musikkapellen und Schützenbund in Südtirol begrüßt - eine Sonderformation des Schützenbezirks Bozen schoss eine Ehrensalve ab.

Harsche Kritik von Urzì

Alessandro Urzì, Landtagsabgeordneter von L‘Alto Adige nel cuore, ärgerte sich unmittelbar nach der Begrüßung über deren Ablauf. Dass die Schützen einen EU-Kommissionspräsidenten willkommen heißen, das verkörpere nicht das Südtirol, indem er lebe, meinte der Abgeordnete in einem Videoclip.

Daraufhin wurde der ethnopolitische Reigen eröffnet, der in Südtirol ebenso „landesüblich“ zu sein scheint, wie der Empfang durch die Schützen.

Knoll: „Mangelnde Integrationsbereitschaft“

Nach der medialen und politischen Kritik am Empfang, meldeten sich die Landtagsabgeordneten Sven Knoll von der Süd-Tiroler Freiheit und Andreas Pöder von der BürgerUnion via Pressemitteilungen zu Wort.

Sven Knoll sprach - mit Blick auf „die Polemik, welche anlässlich des Empfangs entbrannt ist“, von einer mangelnden Integrationsbereitschaft vieler Italiener in Südtirol.

Man brauche sich nicht dafür zu rechtfertigen, dass der Empfang nicht nach „italienischem Protokoll“ und im Beisein „italienischer Würdenträger erfolgt sei, unterstrich Sven Knoll und sparte nicht mit Kritik: „Nicht Süd-Tirol hat sich Italien anzupassen, sondern umgekehrt“.

Auch Andreas Pöder empörte sich über die Kontroverse bezüglich des Schützenempfangs, der eine lokale Tradition sei - und stellte sich die Frage, welche italienischen Traditionen man denn hätte herzeigen sollen.

Di Fede: „Äußerungen sind rassistisch“

Prompt folgte am Montagabend die politrhetorische Retourkutsche: Liliana Di Fede, Parteisekretärin des Südtiroler Partito Democratico, forderte alle demokratischen Kräfte dazu auf, sich von Knolls und Pöders Äußerungen zu distanzieren, sie seien „rassistisch“.

Es gehe nicht um wahlstrategische Überlegungen, sondern alle Sprachgruppen müssten sich gegen diese Provokation stellen, die das friedliche Zusammenleben, das man in mühevoller Arbeit nach 70 Jahren erreicht hätte, gefährden würde.

Juncker: „Hier herrscht Identitätsdreiklang“

Soweit das bekannte Ping-Pong-Spiel - im Land des europäischen Identitätsdreiklangs, um Juncker zu zitieren.

Leitner und Mair distanzieren sich

Am Dienstagvormittag wurde die politische Debatte rund um Junkers Willkommen-Heißen um eine Facette reicher. Die Freiheitlichen Landtagsabgeordneten Pius Leitner und Ulli Mair gingen zu Knoll und Pöder auf Distanz: „Wir distanzieren uns mit Entschiedenheit sowohl von der Aussage, die Italiener müssten in Südtirol ebenso integriert werden wie die Ausländer“, hieß es in der entsprechenden Mitteilung an die Presse.

Mair und Leitner verbanden ihre Distanzierung mit einer Forderung nach Sachlichkeit und Mäßigung, die neu geschürten ethnischen Spannungen seien zu verurteilen - und betteten in diese Absage bekannte freiheitliche Forderungen ein - etwa nach einem Freistaat.

Thaler: „Juncker war sehr angetan“

Was der EU-Kommissionspräsident über den Nachhall seines Bozner Besuches denkt, ist nicht bekannt. Elmar Thaler, Landeskommandant des Südtiroler Schützenbundes, meinte am vergangenen Freitag zu STOL, Jean-Claude Juncker sei vom traditionellen Empfang sehr angetan gewesen. 

stol/aw

stol