Ein Jahr im Amt: Bürgermeister Andreas Jungmann spricht im Interview über die Geduld und Ausdauer, die die Politik erfordert, die Bedeutung von Kompromissen und seine ehrgeizigen Pläne für bezahlbaren Wohnraum in Brixen. Darüber hinaus gibt es Einblick in intensive Arbeitswochen bis hin zu Momenten der Ruhe in den Aferer Bergen.<BR /><BR /><BR /><b>Herr Bürgermeister, Sie sind jetzt ein Jahr im Amt: Man sagt, Politik sei ein Marathon, kein Sprint. Gibt es im ersten Jahr als Bürgermeister einen „Langen-Atem-Moment“, in dem Sie gemerkt haben, dass Geduld und Ausdauer gefragt sind?</b><BR />Bürgermeister Andreas Jungmann: Diese Momente gibt es ständig. Man muss sich daran gewöhnen, dass in der Politik nichts von heute auf morgen geht – es braucht sehr viel Vorbereitungs- und Überzeugungsarbeit und eben den genannten langen Atem. Zwischendrin kommt es immer wieder mal zum Sprint, den Marathon muss man aber immer im Auge behalten. Und: Natürlich gibt es unzählige Etappenziele, die einen weitertreiben. Die Themen sind extrem komplex und die Verantwortung ist riesig. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht irgendetwas Neues gesehen habe. Das habe ich zu Beginn etwas unterschätzt. Als Bürgermeister muss man alles im Blick haben – 360 Grad, 7 Tage die Woche. <BR /><BR /><b>Politik ist ein ständiges Ringen um Kompromisse. Wie gehen Sie damit um, wenn Sie als Bürgermeister nicht immer alle Interessen unter einen Hut bekommen?</b><BR />Jungmann: Man kann es nicht allen recht machen – das muss von Anfang an klar sein. Ich habe als Bürgermeister von Brixen ein superstarkes Team hinter mir, im Stadt- und Gemeinderat, in der Verwaltung. Um Projekte weiter zu bringen, müssen diese Hand und Fuß haben, gut durchdacht und mit guten Argumenten untermauert sein. Das sind die Voraussetzungen, damit man überhaupt starten kann. Danach gilt es, Kompromisse einzugehen – ohne die Dinge zu verwässern. Bewusst muss einem in der Politik auch sein: Es können Jahre vergehen, bis Ergebnisse komplexer Prozesse sichtbar werden. Ich persönlich habe keine Schwierigkeiten damit, mittel- und langfristig zu denken. <BR /><BR /><b>In einem Ihrer ersten Interviews gaben Sie dem Thema Wohnen oberste Priorität. Gibt es bereits etwas Spruchreifes?</b><BR />Jungmann: Brixen ist als Gemeinde mit einer Reihe von Partnern federführend in Sachen gemeinnütziges Mietwohnen unterwegs. Wir gehen heute davon aus, dass in der neuen Zone D' Andrea Ende 2026 die ersten Mieter einziehen werden. Das erste Baulos sieht 35 Wohnungen vor. Die Zone hat Potential für 65 Wohnungen. Bei den Mietpreisen wird es uns gelingen, deutlich unter den Landesmietzins zu bleiben. Parallel dazu arbeiten wir ganz stark daran, das Areal der ehemaligen Schenoni-Kaserne optimal für die Bürger zu nutzen. Für mich stellt die dabei eingeschlagene Richtung mit dem gemeinnützigen Mietwohnen – für Südtirol derzeit einmalig – ein Erfolgsrezept dar. Hauptnutznießer sollen junge Familien, Senioren, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Sanitätsbetriebs oder der Pflegestrukturen und ähnlicher Einrichtungen sein. Die Miete soll den Landesmietzins um mindestens 10 bis 15 Prozent unterschreiten. <BR /><BR /><b>Wenn Sie in Brixen zu Fuß unterwegs sind, werden Sie von Bürgern angesprochen – und wenn ja, mit welchen Anliegen?</b><BR />Jungmann: Ja, auf alle Fälle. Manche Bürger wollen einfach nur grüßen, kurz ratschen, andere möchten auf Dinge hinweisen, die die Gemeinde angehen sollte – das kann auch eine kaputte Straßenlaterne sein. Die Menschen begegnen mir mit viel Wohlwollen, bestärken mich in meiner Arbeit, das tut gut. Sonst würde man so einen Job auch gar nicht lange machen. Denn der Druck ist groß und die Arbeit hört nie auf. Allein in den ersten 6 Monaten habe ich unzählige Dankes- und Glückwunschkarten bekommen, das hat mich unglaublich gefreut. <BR /><BR /><b>Haben Sie im ersten Jahr als Bürgermeister Rituale entwickelt, die Ihnen helfen, im turbulenten Politikeralltag einen klaren Kopf zu behalten?</b><BR />Jungmann: Ich arbeite noch daran (lacht). In den ersten Monaten habe ich schon sehr viel gearbeitet, mir war wichtig, rasch in das Amt zu kommen und möglichst alles zu verstehen. Aber ich weiß auch, wenn genug ist. Abspannen kann ich daheim, bei einem Fußball- oder Handballspiel oder im Wald, in den Aferer Bergen mit Blick auf den Peitlerkofel. <BR /><BR /><b>Als Bürgermeister steht man unweigerlich im Mittelpunkt. Lässt sich das gewöhnen?</b><BR />Jungmann: Mittlerweile geht es recht gut (lacht), vielleicht hat mir am Anfang ein wenig das Selbstbewusstsein gefehlt. Heute bin ich mir meiner Rolle klar bewusst und bereue die Entscheidung für keinen Moment.