Donnerstag, 21. Januar 2016

Keine Rabenmütter und halbherzigen Entscheidungen mehr

Drei Jahre Elternzeit für alle Mütter sind nicht finanzierbar. Kammerabgeordnete Renate Gebhard, selbst berufstätige Mutter, weiß um die Zwickmühlen und ungerechtfertigten Benachteiligungen von Familien und speziell Frauen durch Mutterschaft und -sein. Wirkliche Wahlfreiheit für Mütter und Väter scheitert heute noch oft in Köpfen - und dann an fehlenden Möglichkeiten. Ein Gespräch:

Eine gute Mutter sein zu dürfen - egal ob berufstätig oder nicht. Das ist Renate Gebhards Credo für eine funktionierende Familienpolitik.
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Eine gute Mutter sein zu dürfen - egal ob berufstätig oder nicht. Das ist Renate Gebhards Credo für eine funktionierende Familienpolitik. - Foto: © shutterstock

Die Angleichung der Mutterschafts- und Elternzeiten in der öffentlichen Verwaltung und in der Privatwirtschaft ist ein altes und ein leidiges Thema. "Dazu sind Arbeiten im Gange, aber mir liegen noch keine Daten vor", sagt Renate Gebhard offen. Auf andere, ebenso drängende Fragen von STOL weiß die Kammerabgeordnete aber - aus teils eigener Erfahrung - Antwort. 

Südtirol Online: Nach der Geburt Ihres Sohnes sind Sie schnell wieder an den Arbeitsplatz zurückgekehrt – Ihr Kind wurde in Ihrer Nähe von einer Verwandten umsorgt. Würden Sie sagen, das war die ideale Möglichkeit, um Beruf und Muttersein zu verknüpfen?
Renate Gebhard, SVP-Landesfrauenreferentin und Kammerabgeordnete: Für mich und meinen Mann war das die ideale Lösung. Was für mich und meine Familie gut gehen kann, ist für meine Nachbarsfamilie aber vielleicht nicht machbar. Die Aufgabe der Politik ist es, Rahmenbedingungen für die unterschiedlichen Lebens- und Familienmodelle und -situationen zu schaffen.

STOL: Laut Studie kehren die wenigsten Mütter in Italien in Ihren Beruf zurück. Wollen oder können sie nicht?
Da spielen wohl mehrere Faktoren eine Rolle: Einerseits können manche Frauen nicht, weil sie schlicht keine Betreuungsmöglichkeit für ihre Kinder haben oder weil sie keine Teilzeitstelle erhalten.
Andererseits wollen manche Frauen nicht, weil es ihr Wunsch ist, sich voll der Familienarbeit zu widmen. Was mir nicht gefällt ist, wenn Frauen sich halbherzig deshalb für die Familienarbeit entscheiden, weil sie sich nur so von der Gesellschaft als gute Mütter anerkannt fühlen.

STOL: Dass Frauen arbeiten wollen, liegt aber nicht nur am schlechten Gewissen allein…? 
Die Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten weiterentwickelt, viele Mädchen absolvieren heute eine gute Ausbildung oder ein Studium und möchten nicht zuletzt deswegen nach einer Babypause wieder ihren Beruf ausüben. 
Und viele Frauen arbeiten einfach auch gern: Und das ist es doch, was wir in unserer Gesellschaft immer fordern, dass Menschen gerne arbeiten.

STOL: Woran hakt es, wenn Frauen zurück zur Arbeit wollen?
Es bringt nichts, arbeitende Mütter als Rabenmütter darzustellen und ihnen ein schlechtes Gewissen einzureden. Wir müssen in unserer Familienpolitik auch den Bedürfnissen jener Familien Rechnung tragen, in denen beide Elternteile einer Arbeit nachgehen wollen oder müssen. Sie brauchen qualitativ hochwertige und leicht erreichbare Betreuungsstrukturen.

STOL: Die Wahlfreiheit scheitert also schon an den fehlenden Betreuungsmöglichkeiten?
Vordergründig ja, denn wo bleibt die Wahlfreiheit für jene Eltern, die ihr Kind während ihrer Arbeitszeit gerne für einige Stunden am Tag in einer Kindertagesstätte gut aufgehoben wissen möchten, jedoch keinen Platz mehr erhalten? 
Oft bedeutet kein Betreuungsplatz auch kein Arbeitsplatz, nicht alle Eltern können auf Verwandte bei der Betreuung zurückgreifen.

STOL: Was brauchen jene Familien, bei denen sich ein Elternteil bewusst um die Familie kümmert?
Jede Frau, jeder Mensch hat das Recht, im Alter ein würdiges Auskommen zu haben. Frauen, die im neuen, beitragsgezogenen Rentensystem alt werden und nicht ausreichend durch Erwerbstätigkeit in den Rententopf eingezahlt haben, müssen mit einer sehr niedrigen Rente rechnen.
Für diese Frauen muss etwas getan werden: Unterstützung durch die öffentliche Hand und Schaffung von Möglichkeiten wie dem Rentensplitting.  
Dies unterstreicht die gemeinsame Entscheidung, dass ein Partner zuhause bleibt und die Hauptfamilienarbeit übernimmt dadurch, dass die Rentenbezüge des Erwerbstätigen geteilt werden und die Familienarbeit damit auch anerkannt wird. 

Eine gute Mutter sein zu dürfen - egal ob berufstätig oder nicht. Das ist Renate Gebhards Credo für eine funktionierende Familienpolitik. - Foto: D

STOL: Welche (Nicht-)Stellenwert nehmen die Väter in der Diskussion ein?
Viele Mütter würden sich wohl anders entscheiden, wenn die Väter im Haushalt, in der Kinderbetreuung und bei verschiedenen Verpflichtungen mit den Kindern und Jugendlichen mehr Verantwortung übernehmen. So manches Umfrageergebnis würde anders ausfallen, wenn die Fragen umfassender gestellt würden.

STOL: Und wie lange soll/darf die gesetzliche Babypause dauern, immerhin gibt es gravierende Unterschiede bezogen auf öffentliche oder private Anstellung?
Wir müssen in der Diskussion auch der Realität ins Auge sehen: Drei Jahre Elternzeit für alle Mütter sind realistisch nicht finanzierbar.

STOL Welche Aufgaben müssen öffentliche Verwaltung, aber auch die Unternehmen diesbezüglich noch machen?
Die öffentliche Verwaltung muss weiter mit gutem Beispiel vorangehen, in den eigenen und abhängigen Betrieben. Vor allem durch das Angebot von Betreuungsplätzen und familiengerechten Arbeitszeiten  und Wiedereinstiegsmöglichkeiten. Ein bedarfsgerechtes Angebot an qualifizierter Kinderbetreuung entspricht dem Kindeswohl und ist nicht zuletzt eine bedeutende Voraussetzung für die Attraktivität eines Wirtschaftsstandortes oder eines Unternehmens. 
Unsere Betriebe und unsere Führungskräfte müssen sich klar darüber werden, dass zufriedene Eltern die treuesten und zuverlässigsten Mitarbeiter sind und dass Teilzeit und flexible Arbeitszeiten zwar Umdenken verlangen, dann aber auch wirtschaftliche Vorteile bedeuten.

STOL: Warum wird so viel geredet, aber im Grunde ändert sich bezüglich Arbeitschancen und Möglichkeiten für frischgebackene Mütter nicht wirklich was – liegt es an einer Männer-lastigen oder Profit-orientieren Ausrichtung von Gesetz- und Arbeitgeber?
Ich denke, dass es vor allem daran liegt, dass der Mensch einfach Angst vor Veränderungen hat und diese deshalb so lange braucht. Wir sehen immer wieder: Wenn Chefs plötzlich erwachsene Töchter haben, ändert sich ihr Blick auf Frauen im Beruf, und wenn sie erfolgreiche Teilzeitmitarbeiterinnen haben, stellen sie auch gerne weitere an.
Fakt ist: Es geht langsam.

Fakt ist auch: Es gibt immer noch ideologische Kräfte, die fest dagegen arbeiten - und das ist traurig, weil sich Menschen dabei erlauben, andere zu verurteilen. Es braucht mehr Toleranz für die unterschiedlichen Lebens- und Familienmodelle.
Nichtsdestotrotz: Es ist schon viel besser geworden und es wird weiter besser werden, wenn wir alle gemeinsam daran arbeiten und vor allem: jede Mutter eine gute Mutter und jeden Vater einen guten Vater sein lassen. 

Interview: Petra Kerschbaumer

stol