Mittwoch, 09. September 2020

Kolesnikowa in einem Untersuchungsgefängnis in Minsk

Die festgenommene Oppositionsführerin Maria Kolesnikowa befindet sich nach Angaben ihrer Familie in Belarus (Weißrussland) angeblich in einem Untersuchungsgefängnis in Minsk. Das teilte ihr Vater Alexander Kolesnikow am Mittwoch mit. Das Ermittlungskomitee habe ihn angerufen und ihm das mitgeteilt, hieß es. Er habe am Nachmittag im Gefängnis einige Sachen für seine Tochter abgegeben. Eine Bestätigung der Behörden lag zunächst nicht vor.

Die führende Oppositionelle Maria Kolesnikowa sei wegen des Verdachts des Hochverrats festgenommen worden
Die führende Oppositionelle Maria Kolesnikowa sei wegen des Verdachts des Hochverrats festgenommen worden - Foto: © APA (AFP) / SERGEI GAPON
Kolesnikowas Anwältin Ljudmila Kasak sagte dem unabhängigen Nachrichtenportal tut.by: „Bei Maria ist alles in Ordnung, bisher wurden keine Prozesshandlungen aufgenommen.“ Ihr werde vorgeworfen, öffentlich zur Machtergreifung aufgerufen zu haben.

Kolesnikowas Anwalt sagte, sie sei wegen des Verdachts des Hochverrats festgenommen worden. Dies sei Teil eines Strafverfahrens, in dem es auch um den Vorwurf der Machtübernahme gehe, meldete die russische Nachrichtenagentur RIA am Mittwoch unter Berufung auf Kolesnikowas Anwalt.

Massives Vorgehen gegen Opposition


Die 38-Jährige war am Montag verschwunden. Sie soll daraufhin von den Behörden zur Ausreise in die Ukraine gedrängt worden sein. Als sie sich weigerte, das Land zu verlassen, wurde sie festgenommen. Ihr weiterer Aufenthaltsort war unklar. Am Mittwoch wurde nach Angaben des Koordinierungsrates ihre Wohnung in der Hauptstadt durchsucht.

Die belarussische Führung geht immer massiver gegen die Opposition vor. Die belarussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, die eine Verbündete Kolesnikowas ist, warf den Behörden vor, das eigene Volk zu terrorisieren.

Oppositioneller Koordinierungsrat im Visier


2 Tage nach dem Verschwinden Kolesnikowas wurde der Anwalt Maxim Snak am Mittwoch nach Angaben von Unterstützern in Gewahrsam genommen. Snak gehörte dem Koordinierungsrat an, der in den vergangenen Wochen die Proteste gegen die Wahlfälschungen und Präsident Lukaschenko organisierte.

Nachdem am Mittwoch Unbekannte vor der Wohnung von Swetlana Alexijewitsch in Minsk aufgetaucht waren, fanden sich europäische Diplomaten, darunter auch die österreichische Botschafterin, zu einem Blitzbesuch bei der weißrussischen Literaturnobelpreisträgerin. Die 72-jährige Schriftstellerin ist vor Ort das letzte prominente Mitglied des oppositionellen Koordinationsrates in Freiheit.

apa/dpa/reuters