Dienstag, 19. Mai 2020

Kompatscher: „Mit Transparenz heraus aus der Krise“

Die Coronapandemie hält die Welt nach wie vor in Atem. Auch Südtirol hat Hunderte Tote und Tausende Infizierte zu beklagen. Besonders gefordert waren in diesen Wochen die politischen Entscheidungsträger in Rom und Bozen. Im Interview mit dem „Katholischen Sonntagsblatt“, der Kirchenzeitung der Diözese Bozen-Brixen, gibt Landeshauptmann Arno Kompatscher ein Rück- und Ausblick.

Landeshauptmann Arno Kompatscher im Interview.
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Landeshauptmann Arno Kompatscher im Interview. - Foto: © lpa
Das Interview führte Walther Werth.

Herr Landeshauptmann, am vergangenen Donnerstag haben Sie die Verordnung bezüglich der Regelung der öffentlichen Gottesdienste in der Diözese unterschrieben. Kehrt damit für Sie wiederum ein weiteres Stück Normalität nach dem Ausnahmezustand zurück?


Landeshauptmann Arno Kompatscher: Normalität ist in diesem Zusammenhang ein großes Wort, aber es ist ein wichtiger Schritt, wenn wieder Gottesdienste, Hochzeiten und Beerdigungen gefeiert werden können – natürlich mit all den notwendigen Auflagen.

Alle Regierungen der Welt waren in den vergangenen Wochen gezwungen, in vielen Bereichen Neuland zu betreten. Entscheidungen mussten unter massivem Druck gefällt werden. Wie gingen beziehungsweise gehen Sie mit dieser Belastung um?

Ganz viele Menschen kennen solche Situationen auch aus ihrem persönlichen Leben. Urplötzlich trifft einen ein Schicksalsschlag oder es passiert etwas Schlimmes wie ein Unfall. Da wird man vor Herausforderungen gestellt, die man bisher noch nicht erlebt hat – dann „funktioniert“ man einfach. Bisweilen ist man dann auch imstande, Sachen zu tragen, die vorher unvorstellbar waren. So war es auch in den ersten Wochen, wo eine Schreckensmeldung die andere ablöste. Wir mussten immer in kürzester Zeit weitreichende Entscheidungen treffen. Aber es geht – da ist vielleicht auch viel Adrenalin im Spiel. Natürlich spürt man irgendwann die Belastung, und man wird sowohl körperlich als auch geistig müde. Wichtig ist nur, dass man die jeweiligen Entscheidungen im Bewusstsein fällt, dass sie zu diesem Zeitpunkt nach dem Abwägen aller Möglichkeiten und Auswirkungen die richtigen sind. Dieser Druck ist eben mit diesem Amt verbunden.

Nun gibt es europaweit Demonstrationen gegen die Coronapolitik. Der gesellschaftliche Kitt scheint zu bröckeln. Stößt mit dieser Krise die Demokratie an ihre Grenzen?

Wir erleben eine Spaltung in der Gesellschaft: Für die eine Richtung, die mehr Freiräume fordert, gehen wir viel zu streng vor, die andere Richtung hingegen kritisiert, dass wir bei den Lockerungen viel zu weit gehen. Dies ist an und für sich eine gesunde Debatte und beide Argumentationslinien haben ihre Berechtigung. Unsere Aufgabe als Politiker ist in dieser Situation, einen gesunden Mittelweg zu finden – nicht zu ängstlich zu sein, aber auch nicht zu übertreiben. Schlimmer sind für mich die ganzen Verschwörungstheorien und die Debatten, die das System grundsätzlich infrage stellen und die hinter allem die große Weltverschwörung wittern. Das ist bedenklich, aber das haben wir schon früher erlebt – Stichwort Flüchtlingskrise, Finanzkrise. Da gibt es nur ein Gegenmittel, indem man transparent ist und offen aufzeigt, was man weiß, und auch, was man nicht weiß. Man muss auch in der Lage sein, zuzugeben, dass auch die Wissenschaft nicht vom ersten Tag an wusste, was bei dieser weltweiten Krise vorgeht. Das heißt aber nicht, dass Kritik nicht zulässig sei. Im Gegenteil: Es ist legitim, zu fragen, ob die jeweiligen Maßnahmen notwendig waren oder nicht. Hier ist die Kunst der Differenzierung notwendig. Unsere Aufgabe ist es, transparent und offen zu sein für Kritik, um daraus auch die notwendigen Schlüsse ziehen zu können.



Viele Ihrer Entscheidungen können erst zu einem späteren Zeitpunkt – also im Rückblick – bewertet werden. Da wird es Lob, aber auch Kritik geben, weil jede Maßnahme polarisiert. Nach welchem Leitfaden agieren Sie, um nicht selbst zerrieben zu werden?

Im Nachhinein sind immer die Klügeren in der Mehrheit. Deshalb ist wichtig festzuhalten, dass wir Politiker immer nach den heutigen, aktuellen Informationen Entscheidungen treffen. Ich hoffe, dass es bei der Bewertung des Krisenmanagements im Rückblick gelingt, eine gewisse Fairness walten zu lassen, indem man den jeweiligen Kenntnisstand berücksichtigt. Das heißt nicht, dass eine Nachbetrachtung nicht legitim sei – im Gegenteil, sie ist wichtig, um künftige Herausforderungen dieser Art besser meistern zu können.

Viele Menschen wünschen sich, dass nach der Überwindung der Pandemie alles wieder wie gewohnt weiterlaufen kann. Das wird nicht möglich sein. Welche Vision haben Sie für die Zeit nach Corona?


Das Leben nach Corona wird mit Sicherheit anders sein. Es ist ein einschneidendes Ereignis. Ich glaube allerdings, dass die Nach-Corona-Zeit nicht zwangsläufig die bessere sein wird. Ich kann nur hoffen, dass wir aus diesen Wochen der Krise etwas lernen – aber automatisch geht da gar nichts. Es ist nicht unbedingt erstrebenswert, dasselbe Leben führen zu können wie vor Corona. Eine wünschenswerte Perspektive wäre, ein bewussteres Leben zu führen; das würde viele positive Änderungen nach sich ziehen.

stol