Montag, 04. Mai 2015

Koschyk: „Das ist präventive Friedenspolitik“

Sorben, Friesen, Kaschuben, Schwaben, Sinti und Roma: Zu fast jeder Minderheit auf dem Kontinent kann der bayerische Abgeordnete Hartmut Koschyk sofort mit Wissen und Kontakten aufwarten. Aber modernes Knowhow in Sachen Minderheitenschutz holt sich der Beauftragte der deutschen Bundesregierung für Aussiedler und nationale Minderheiten derzeit in Südtirol.

Der bayrische Minderheitenbeauftragte Hartmut Koschyk
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Der bayrische Minderheitenbeauftragte Hartmut Koschyk - Foto: © STOL

„Dolomiten“: Welche Fragen führen Sie als Beauftragten der Bundesregierung nach Südtirol?
Hartmut Koschyk: Der Hintergrund meines Besuchs ist die Frage: Wie funktioniert moderner Minderheitenschutz? Wie können wir diese Aufgabe im Zeitalter der Globalisierung, mit modernen Kommunikationsmitteln und auch für die junge Generation erfüllen? Wer sich mit diesem Thema beschäftigt, kommt an Südtirol nicht vorbei.

„D“: Gibt Südtirol auf diese Fragen auch Antworten?
Koschyk: Ja, überraschend viele. Bei einem Besuch an der EURAC habe ich erfahren, wie viele Minderheiten diese Forschungseinrichtung inzwischen berät. Die deutsche Bundesregierung ist auch dankbar dafür, dass Südtirol und vor allem diese Einrichtung in 20 Jahren viel für deutsche Minderheiten geleistet haben, zum Beispiel in Ungarn. Dieser Dank ist auch eine Bitte: Wir bitten um weitere Unterstützung der Minderheiten in Mittel- und Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion. Denn Minderheitenschutz ist präventive Friedenspolitik. Und da gehen von Südtirol viele Impulse aus.

„D“: Internet und moderne Medien schaffen ein globales Dorf. Ist das nicht eine Gefahr für Minderheiten und vor allem ihre Sprachen?
Koschyk: Sicher besteht die Gefahr der Vereinheitlichung. Auf der anderen Seite bieten moderne Medien neue Chancen für den Minderheitenschutz. So werden zum Beispiel Applikationen, mit denen Menschen eine Minderheitensprache schnell lernen können, entwickelt. Diese Anwendungen sind zudem weltweit abrufbar. So kann eine Sprache, die bedroht ist, zusätzlich geschützt und wieder verbreitet werden. Hier sehe ich große Chancen. Ganz wichtig für den modernen Minderheitenschutz ist die Vernetzung über staatliche Grenzen hinweg. Hier ist die Föderalistische Union der Volksgruppen FUEV vorbildlich. Daher wird sie auch von der Bundesregierung unterstützt.

„D“: Als Regierungsbeauftragter für Aussiedler sind Sie auch mit der Frage der Integration betraut. Was lässt sich aus diesen Erfahrungen für die Aufnahme von Flüchtlingen ableiten?
Koschyk: Anfang der 90-er Jahre haben wir in manchen Jahren mehr als 400.000 Aussiedler aus Mittel- und Osteuropa bei uns aufgenommen. Der oberste Grundsatz für Integration scheint mir: Sie braucht Aufnahmebereitschaft, aber auch Integrationsbereitschaft. Beide sind wie kommunizierende Röhren.

„D“: Was gehört zur Integrationsbereitschaft?
Koschyk: Dazu gehört vor allem, die Sprache des neuen Landes zu beherrschen – aber die eigene nicht zu vergessen. Einwanderer müssen aber auch die christlich-demokratischen Wurzeln eines Landes akzeptieren. Es ist auch für Muslime möglich, sich in ein christlich geprägtes Land wunderbar zu integrieren. Beispiele dafür gibt es genug. Auf der anderen Seite geht es nicht an, dass die Scharia als Basis genommen wird. Werte des Grundgesetzes wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau oder der Bildungszugang für Frauen dürfen nicht zur Diskussion stehen.
Interview: Martin Lercher

stol