<b>STOL: Wie sieht Kriegsführung heutzutage aus?</b><BR />Robert Brieger: Wenn man es mit früher vergleicht, dann ist festzustellen, dass es zu einer zunehmenden Robotisierung des Krieges kommt. Drohnen und auch autonome Systeme, die ohne unmittelbare menschliche Lenkung arbeiten und mit Künstlicher Intelligenz optimiert werden, sind auf dem Vormarsch. Man kann also von einer militärischen Revolution sprechen. Doch es wirft die ethische Frage auf, wie solche neuen letalen Waffensysteme zu kontrollieren sind und wer die Letztentscheidung über deren Einsatz trifft.<BR /><BR /><b>STOL: Stichwort Drohnen. Wie verändern sie die Kampfhandlungen?</b><BR />Brieger: Drohnen sind aus einer Verlegenheit heraus zum Einsatz gekommen, weil der Ukraine Artilleriemunition gefehlt hat und man entdeckt hat, dass auch mit kommerziellen Drohnen, die mit wenig Kosten umrüstbar sind, entsprechende Wirkung zu erzielen ist. Mittlerweile haben sich Drohnen zu einer neuen Waffengattung entwickelt, die die Bewegung auf dem Gefechtsfeld sehr erschwert und in bestimmten Zonen sogar unmöglich macht.<BR /><BR /><b> STOL: Inwiefern?</b><BR />Brieger: Die Kampfführung, insbesondere der Infanterie, aber auch der mechanisierten Kräfte, ist gezwungen, sich in kleine Gruppen aufzuteilen und technische Schutzvorrichtungen einzurichten, um sich vor Angriffen zu schützen. Das hat in der Taktik die Konsequenz, dass die Bewegungen sehr stark verlangsamt sind und dass jeder Meter Bodengeländegewinn mit sehr hohem technischem Aufwand erkämpft werden muss. Die Militärgeschichte zeigt uns jedoch, dass zu jeder Technologie auch Schutzmechanismen und Gegentechnologien entwickelt wurden, also Anti-Drohnen-Drohnen oder elektromagnetische Vorrichtungen.<BR /><BR /><b> STOL: Wer ist führend in der Entwicklung von Drohnen?</b><BR />Brieger: In Europa eindeutig die Ukraine.<BR /><BR /><b>STOL: Vor wenigen Monaten drangen immer wieder Drohnen in den NATO-Raum ein. Wie gut sehen Sie Europa auf Drohnenangriffe vorbereitet?</b><BR />Brieger: Natürlich besteht Nachholbedarf. Billig-Drohnen mit Kampfjets abzuschießen, ist schlichtweg zu teuer. Zunächst stehen die Staaten vor der Problematik, zu attribuieren (einzuordnen, Anm.), um welche Art von Angriff es sich handelt, denn das Spektrum geht von einem Lausbubenstreich bis zur Einwirkung staatlicher Akteure. Und dann ist die Frage, Technologien zu entwickeln und zu vernetzen. Im Sinne der Resilienz wäre es wichtig, dass Kapazitäten für eine rasche Produktion von Drohnen zur Verfügung stehen. Wichtig ist auch ein Frühwarnsystem. Das ist zwar grundsätzlich eingeleitet, aber es zu implementieren, ist nicht nur kostenrelevant, sondern auch organisatorisch eine große Aufgabe.<BR /><BR /><b>STOL: Die Verteidigungspolitik auf EU-Ebene schreitet jedoch in langsamen Schritten voran.</b><BR />Brieger: Das ist die große Herausforderung, die immer zu Kompromissen führt. Zwar halten sich alle an den NATO-Standard, aber wir haben eine unglaubliche Vielzahl an verschiedenen Waffensystemen in Europa. Wenn Sie Flugzeuge und Panzerfahrzeuge hernehmen bis zu den Handfeuerwaffen. Wir haben es nicht geschafft, die Verteidigungsindustrie zu europäisieren: Die europäische Verteidigungsindustrie ist fraktioniert, sie ist national, was Kosten verursacht. Je mehr die Verteidigung vergemeinschaftet wird, desto mehr stellt sich aber auch die Frage der Entscheidungskompetenz und der Souveränitätsrechte. Wer drückt wann den Knopf?<BR /><BR /><b>STOL: Neben Drohnen hört man immer wieder das Wort „hybride Kriegsführung“. Was meint man damit?</b><BR />Brieger: Es ist ein Sammelbegriff für feindselige Einwirkungen, die im Wesentlichen unterhalb der Schwelle des konventionellen herkömmlichen Krieges sind. Im Wesentlichen versteht man darunter die Beeinflussung durch Desinformation, den Missbrauch von Migrationsbewegungen, die Störung von Infrastruktur und staatlichen oder auch nichtstaatlichen Systemen durch Cyberangriffe.<BR /><BR /><b>STOL: Ist Europa auf Cybersicherheit vorbereitet?</b><BR />Brieger: Das ist die nächste große Aufgabe, die sowohl die staatlichen als auch die zivilen Systeme betrifft. Aber auch hier ist es ein Problem der Vereinheitlichung und auch eine zeitliche Dimension, die man mitrechnen muss, weil die Integration solcher Systeme entsprechende Anschaffungen und gemeinsame Standards voraussetzt. Und dann bleibt die Frage der Antwortfähigkeit.<BR /><BR /><b>STOL: Was meint man damit?</b><BR />Brieger: Wenn ein Cyberangriff vorliegt, angenommen von einem Drittstaat, es aber nicht beweisbar ist, ist man von der völkerrechtlichen Seite her als Demokratie nicht antwortfähig. Man kann das eigene System also lediglich abschotten und schützen. Hier sind sich Völkerrechtsexperten noch nicht einig, wie in Zukunft damit umzugehen ist.