In den vergangenen Monaten steckte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan innenpolitisch in großen Schwierigkeiten. Internationale Kommentatoren schrieben vom beginnenden Ende der Ära Erdogan. Nun, wenige Monate später, sieht vieles anders aus.<BR /><BR /><BR /><BR />Der schon aufs Abstellgleis geschobene Außenseiter der NATO ist nämlich dank Ukraine-Konflikt für den Westen zum neu umworbenen Akteur auf der Szene des Zurückweisens von Putins Expansionsgelüsten geworden. Seine Sperre von Bosporus und Dardanellen für russische Kriegsschiffe war nur der erste jener Schritte, mit denen Erdogan seine Bündnistreue zur NATO aufs Neue unter Beweis stellte. <BR /><BR />Beim Sondergipfel der NATO am 24. März erlebte der türkische Staatschef seine Auferstehung als treuer Wahrer ihrer Interessen. Zugleich ließ er seine bisher engen Beziehungen zu Putin nicht abreißen, sondern wurde letzter Verbindungsmann des Westens, für den der Kreml noch ein offenes Ohr hat.<h3> Bisher die einzige Hoffnung</h3>Als sich Erdogan gleich nach Kriegsbeginn als Vermittler anbot, wurde er noch auf die leichte Schulter genommen. Auch sein – tatsächlich abenteuerlicher – Vorschlag, die von ihm zum Ärger der USA in Russland eingekauften Raketen S 400 nun der Ukraine zur Verfügung zu stellen, erwies sich als nicht durchführbar. Doch sind die dann vom türkischen Präsidenten in Istanbul eingefädelten ukrainisch-russischen Gespräche bisher die einzige Hoffnung für einen Verhandlungsfrieden zwischen Kiew und Moskau. <BR /><BR />Erdogans außenpolitischer Aufwind hat natürlich auch stabilisierende Wirkung für die volatil gewordene türkische Innenpolitik. Dem immer lauteren Murren über die Machtfülle des Präsidenten hält sein Vize Fuat Oktay nun entgegen, dass die Türkei im Kriegsszenario am Schwarzen Meer einfach einen „starken Mann“ brauche. Wie er bei einer Kundgebung im zentraltürkischen Konya erklärte, „hat dieses Präsidialsystem die Fähigkeit der Türkei gesteigert, rasch auf regionale Krisen zu reagieren und sich als Mitspieler einzuschalten“.<BR /><BR />Auch eine galoppierende Inflation, Teuerung, Lebensmittelverknappung, Währungsverfall und Arbeitslosigkeit können nun nicht mehr dem Regime Erdogan allein angelastet werden. Wenn sich beim Bäcker die Menschen über den fast unerschwinglichen Brotpreis beklagen, wird nicht mehr ausschließlich über die türkische Führung geschimpft. Jetzt heißt es: „Aber bitte: Wir haben ja Krieg.“<BR />