Wer das Naturmuseum in der Bozner Bindergasse betritt, sucht dort normalerweise Antworten auf biologische Fragen. Doch in den vergangenen Tagen ist das Museum unfreiwillig zum Zentrum eines Kulturkampfes geworden. <BR /><BR />Stein des Anstoßes ist die Fotoausstellung „Queer Nature Photography Awards“sowie die Veranstaltung „Queere Tiere“ im Kleinkunsttheater Carambolage am Wochenende – ein Abend zwischen Drag-Show und musikalischem Erzähltheater über die Vielfalt von Sexualität, Beziehungen und Lebensweisen im Tierreich.<h3> Galateo nennt Ausstellung „kulturelle Propaganda“</h3>Mit keinem der beiden kulturellen Angebote etwas anfangen kann Landeshauptmannstellvertreter Marco Galateo. In einem Post auf Facebook kommentierte er Ausstellung und Theaterstück in Großbuchstaben: „HÄNDE WEG VON DER WISSENSCHAFT: NEIN ZUR WOKE-IDEOLOGIE IN UNSEREN MUSEEN!“ <BR /><BR /><div class="embed-box"> <iframe src="https://www.facebook.com/plugins/post.php?href=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2Fgalateomarco%2Fposts%2Fpfbid0k781AEecLMpkuV5hQJuEtCqqoA17C3F5Sv9AL5sfTJVhQqoJdsoxz25zHoa2gVfbl&show_text=true&width=500" width="500" height="756" style="border:none;overflow:hidden" scrolling="no" frameborder="0" allowfullscreen="true" allow="autoplay; clipboard-write; encrypted-media; picture-in-picture; web-share"></iframe> </div><BR /><BR />Das Naturmuseum habe eine Grenze überschritten, indem es „einen Ort der Forschung in eine Bühne für kulturelle Propaganda verwandelt habe.“ In der Ausstellung „Queer Nature“ sieht Galateo keine Wissensvermittlung, sondern getarnten Aktivismus. „Hier wird das Prestige einer öffentlichen Institution genutzt, um die Biologie einem ganz bestimmten politischen Narrativ unterzuordnen und dabei die wissenschaftliche mit der sozialen Ebene zu vermischen“, so der Landeshauptmannstellvertreter.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1293045_image" /></div> <BR /><BR />Museen müssten Orte des Wissens sein und dürften nicht als Werkzeuge für ideologische Kolonisierung missbraucht werden, fordert Galateo abschließend.<h3> Das steckt hinter „Queer Nature“</h3>Das Projekt ist zweigeteilt: Die Fotoausstellung „Queer Nature Photography Awards“ zeigt bis Ende Juni preisgekrönte Naturfotografien. Sie dokumentieren Phänomene, die in der Biologie seit Jahrzehnten bekannt sind: Gleichgeschlechtliche Paare bei Albatrossen, die Aufzucht von Jungtieren durch zwei männliche Pinguine oder der natürliche Geschlechterwechsel bei Clownfischen.<BR /><BR />Flankiert wird die Schau durch das Musiktheater „Queere Tiere“ im Kleinkunsttheater Carambolage. Dort treten Daniel Hellmann und Coco Schwarz als Mensch-Tier-Hybride auf, um die Grenzen zwischen biologischem Prinzip und persönlicher Erfahrung spielerisch zu hinterfragen. Ausgehend von ihrer Perspektive als queere „Menschentiere“ richten sie den Blick auf die überraschende Vielfalt im Tierreich. Wissenschaftliche Beobachtungen treffen auf Motive aus Mythologie und Popkultur.<BR /><BR />Museumsdirektor David Gruber verteidigt das Konzept: „Mit Formaten wie Queere Tiere möchten wir zeigen, dass Biodiversität immer auch eine Geschichte von Vielfalt in Verhalten, Beziehungen und Lebensformen ist“, sagt er. „Die Natur kennt weit mehr Möglichkeiten, als wir oft annehmen – und genau diese Perspektive kann helfen, auch gesellschaftliche Diversität offener zu denken.“<h3>Achammer: „Wissenschaft ist frei und das bleibt auch so“</h3>Politisch sorgt das Thema abermals für Zündstoff innerhalb der Landesregierung. Erst Anfang März hatte Bildungs- und Museenlandesrat Philipp Achammer (SVP), in dessen direkte Zuständigkeit das Naturkundemuseum fällt, <a href="https://www.stol.it/artikel/politik/achammer-gegen-galateo-eines-landeshauptmannstellvertreters-unwuerdig" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">das Verhalten von Galateo als „unwürdig für einen Landeshauptmannstellvertreter“ bezeichnet, nachdem dieser die Teilnehmer einer Anti-Remigrationskundgebung in Bozen aufgefordert hatte, jeder selbst einen Migranten bei sich zu Hause aufzunehmen.</a><BR /><BR />Nun hagelt es erneut scharfe Kritik von Seiten Achammers in Richtung von Galateo: „Die Ausstellung basiert auf wissenschaftlichen Fakten und dokumentierten Beobachtungen – nicht auf Ideologien, wie es der Landeshauptmannstellvertreter erscheinen lassen möchte.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1293048_image" /></div> <BR /><BR />Achammer stellte klar, dass politische Eingriffe in die museale Freiheit „völlig unzulässig“ seien. Solche Versuche, Kultur und Wissenschaft politisch zu gängeln, kenne man von Donald Trump jenseits des Atlantiks, „aber nicht bei uns“. <BR /><BR />Unterstützung erhielt das Museum auch von den Grünen: Co-Sprecher Luca Bertolini nannte Galateos Kritik schlicht „absurd“ und eine Gefahr für die kulturelle Freiheit.<h3> PERFAS: „Perfide Form der Täter-Opfer-Umkehr“</h3>In die Reihen der Kritiker stimmt auch die Berufsvereinigung der darstellenden Künstler Südtirol (PERFAS) mit ein. In einer Stellungnahme warnt die Vereinigung davor, Galateos Angriffe als Einzelfälle abzutun. Man sehe darin ein „klares Muster“ und ein „Drehbuch der Neuen Rechten“, wie man es aus den USA oder Ungarn kenne.<BR /><BR />Zu den typischen Strategien zählten: die Delegitimierung von Kulturinstitutionen wie Museen, Subventionsdruck und institutionelle Selbstzensur, die politisch motivierte Besetzung kultureller Einrichtungen sowie strukturelles Prekarisieren bestimmter Berufsgruppen. „In diesem Zusammenhang ist bezeichnend, dass Landesrat Galateo – im Gegensatz zu Landesrat Achammer – noch keinerlei erkennbare Schritte zur Umsetzung der im Koalitionspapier verankerten Fair-Pay-Ziele für Kunstschaffende unternommen hat“, so PERFAS.<BR /><BR />Die preisgekrönte Ausstellung im Naturmuseum Bozen sei von internationalem Rang und habe eine eindeutige wissenschaftliche Botschaft: „Diversität ist kein Ausnahmefall, sondern ein grundlegendes Prinzip der Natur. Damit liefert sie einen wichtigen Beitrag zu einer offenen und inklusiven Gesellschaft – Werte, die für PERFAS unumstößlich und nicht verhandelbar sind.“<BR /><BR />„Die versuchte politisch-inhaltliche Einflussnahme auf Wissenschaft und Kunst unter dem Deckmantel, sie frei von Ideologie zu halten, ist eine perfide Form der Täter-Opfer-Umkehr. Sie wird als Vorwand eingesetzt, um menschenfeindliche rechte Inhalte im öffentlichen Diskurs zu normalisieren und gesellschaftliche Spaltung und Desinformation voranzutreiben“, betont die Vereinigung abschließend.<h3> Schulterschluss am rechten Rand</h3>Unerwartete, aber konsequente Schützenhilfe erhält Galateo ausgerechnet von der Süd-Tiroler Freiheit. Landtagsabgeordneter Hannes Rabensteiner bezeichnete die Ausstellung als „ideologische Gehirnwäsche“ und „schlechten Scherz“. Er kritisiert, dass sich öffentliche Einrichtungen von „woken Propagandisten“ vereinnahmen ließen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1293051_image" /></div> <BR /><BR />„Wir lassen nicht zu, dass unsere Kultur und die Aufgabe von Bildungseinrichtungen für ideologische Zwecke geopfert werden. Wird künftig statt Räuber und Gendarm etwa schwules Schwein und lesbische Sau gespielt?“, fragt Rabensteiner und kündigt an, das Thema im Landtag weiterzuverfolgen. Eine Anfrage im Landtag zum Thema hat auch der Abgeordnete Jürgen Wirth Anderlan angekündigt. <BR /><BR />Ungeachtet der politischen Wogen startet die Ausstellung „Queer Nature Photography Awards“ am morgigen Mittwoch und wird bis zum 28. Juni im Naturmuseum Südtirol zu sehen sein. Anschließend ist sie vom 1. Juli bis 31. August im Planetarium Südtirol in Gummer zu sehen.<BR /><BR />Das Musiktheater und Drag-Performance „Queere Tiere“ wird am am Freitag, 27. März, und Samstag, 28. März, jeweils um 20 Uhr in der Carambolage in Bozen aufgeführt.