Montag, 05. September 2016

Kurz: „Man hatte Mut, unangenehmen Wahrheiten entgegenzutreten“

Bei den Feierlichkeiten anlässlich des 70. Jahrestages des Gruber-Degasperi-Abkommens erinnerte sich der österreichische Außenminister Sebastian Kurz daran, wie er als Schüler zum ersten Mal mit der Südtiroler Geschichte in Berührung kam.

Sebastian Kurz erinnerte sich auf Sigmundskron an seinen Geschichtsunterricht.
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Sebastian Kurz erinnerte sich auf Sigmundskron an seinen Geschichtsunterricht. - Foto: © APA

„Mit meinen 30 Jahren habe ich selbst nur eine kurze Spanne der Südtiroler Geschichte miterlebt“, begann Sebastian Kurz seine Rede.

„Ich kann mich gut daran erinnern, als ich in meiner Schulzeit zum ersten Mal nach Südtirol kam. Es verband für mich damals wie heute das Beste aus verschiedenen Kulturen. Besonders beeindruckt hatte mich, wie unterschiedlich die historischen Auffassungen in Südtirol und in Österreich waren.“

Kurz: „Südtirols Jugend ist stark von Geschichte geprägt“

Österreich habe, so Kurz, die Angewohnheit, die eigene Geschichte stets ein Stück weit zu verdrängen. In Südtirol seien jedoch auch die jungen Menschen besonders stark von ihrer Geschichte geprägt, obwohl sie diese selbst nicht miterlebt haben.

„Es war dies das erste Mal in meinem Leben, dass ich miterlebt habe, wie stark die Jugend von der eigenen Geschichte geprägt werden kann, und wie stark die Vergangenheit auf die Gegenwart einwirkt.“

Abkommen war ungeheure Leistung

„Wenn die Ereignisse in der Vergangenheit auch heute noch für so viele junge Menschen so ein prägendes Thema sind, wie schwierig muss es dann für die Menschen vor 70 Jahren gewesen sein“, überlegte Kurz. „Und was für eine ungeheure Leistung war es, das Abkommen zu schließen.“

Auch den Hausherren Reinhold Messner zitierte Kurz: „Reinhold hat einmal gesagt: Als Bergsteiger müsse man die Grenzen zwischen Feigheit und Wahnsinn erkennen. Das bedeutet, man müsse den größtmöglichen Schwierigkeiten mit größtmöglicher Vorsicht begegnen. Und genau das galt vermutlich auch für die Politiker vor 70 Jahren: Sie mussten mutig genug sein, unangenehme Wahrheiten anzugehen, und vorsichtig genug, um zu wissen, was eine vertretbare Lösung war.“

Abkommen war als Kompromiss gedacht

Der Pariser Vertrag war damals als Kompromiss gedacht, der für die Südtiroler jedoch alles andere als ideal war. Es hätten sich, so Kurz, wohl alle, auch auf österreichischer Seite, mehr erwartet.

Es sei jedoch nicht entscheidend, ob damals mehr möglich gewesen wäre, sondern was aus diesem Kompromiss geworden ist. Die Antwort für Kurz ist: Sehr viel.

Südtirol Vorbild und Herzensangelegenheit

„Die Autonomie wurde stetig ausgebaut und heute ist Südtirol ein Land im Herzen Europas, in dem verschiedene Kulturen sehr gut zusammenleben. Südtirol gilt weltweit als Vorbild, wie man Grenzkonflikte lösen und friedlich miteinander leben kann.“

Auch auf die bevorstehende Verfassungsreform ging Kurz ein: „Südtirol ist für Österreich eine Herzensangelegenheit, und wir sehen die dynamische Weiterentwicklung der Autonomie als ein gemeinsames Anliegen von Österreich und Italien. Deshalb verfolgen wir die Situation zur Verfassungsreform in Italien genau.“

stol/liz

stol