Dienstag, 18. Juni 2019

Merkel zittert beim Treffen mit ukrainischem Staatschef

Das erste Treffen der Kanzlerin und des neuen ukrainischen Präsidenten stand unter keinen guten Vorzeichen. Ein dramatisch wirkender Vorfall beim Empfang mit militärischen Ehren wird zum Eisbrecher – wirft aber Fragen über Merkels Gesundheit auf.

Kanzlerin Angela Merkel hat am Dienstag ihren ukrainischen Kollegen Wolodymyr Selenskyj in Berlin getroffen. - Foto: AP
Kanzlerin Angela Merkel hat am Dienstag ihren ukrainischen Kollegen Wolodymyr Selenskyj in Berlin getroffen. - Foto: AP

Es ist eine ungewöhnliche Szene an diesem heißen Dienstagmittag im Ehrenhof des Kanzleramts – auf manche wirken die Bilder ziemlich dramatisch. Angela Merkel steht links neben Wolodymyr Selenskyj auf einem mit rotem Stoff bezogenen Podest, die ukrainische Nationalhymne ist gerade zur Begrüßung des neuen Präsidenten verklungen. Als dann die ersten Töne der deutschen Nationalhymne zu hören sind, beginnen erst die Beine der Kanzlerin zu zittern. Ein paar Sekunden später schlottert ihr ganzer Körper.

Merkel beißt die Lippen zusammen, unbedingt darum bemüht, das Zittern zu unterdrücken und Haltung zu bewahren. Ein paar Sekunden später ist der Spuk vorbei: Die Kanzlerin, die eben noch den Hymnen zusammen mit Selenskyj laut Protokoll quasi reglos lauschen muss, kann endlich losgehen. Als sie zusammen mit dem Ukrainer die Ehrenformation des Wachbataillons der Bundeswehr abschreitet, wirkt es, als sei nichts gewesen. Eng nebeneinander laufen die Kanzlerin und der Präsident. Am Ende, bevor beide zum Gespräch ins Kanzleramt verschwinden, gestikuliert Merkel sogar lebhaft.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Kanzlerin mit derartigen Symptomen von Dehydrierung zu kämpfen hat – offensichtlich vergisst Merkel wie viele Menschen gelegentlich, genug zu trinken. Bei einem Besuch in Mexiko-Stadt im Juni 2017 macht ihr beim Empfang durch den damaligen Präsidenten Enrique Peña Nieto offensichtlich die Höhenluft in der auf über 2000 Metern liegenden Hauptstadt zu schaffen. Auch damals zittern Merkel beim Abspielen der Nationalhymnen deutlich sichtbar die Beine – bis sie zum Abschreiten der Ehrenformation losgehen kann. Auch damals wird Wassermangel als Erklärung genannt.

Anfang Dezember 2014 muss Merkel am Rand eines CDU-Parteitags in Köln die Aufzeichnung eines ZDF-Interviews unterbrechen. Regierungssprecher Steffen Seibert sagt damals: „Die Bundeskanzlerin
fühlte sich einen Augenblick lang nicht wohl, hat dann etwas gegessen und getrunken und die Interviews anschließend fortgesetzt.“ Dabei ist die Kanzlerin ansonsten international bekannt für ihre
robuste Gesundheit. Ihre Konzentrationsfähigkeit selbst bei Nachtsitzungen wird weltweit gefürchtet. Nur Anfang 2014 muss Merkel nach einem Skiunfall beim Langlaufen im Winterurlaub drei Wochen
lang viel liegen – damals nimmt sie nur wenige Termine wahr und arbeitet von zu Hause aus.

Treffen über Vorgehen in Sachen Russland

Gut eine Stunde nach den militärischen Ehren treten Merkel und Selenskyj nach ihrem Arbeitsmittagessen vor die Kameras. Es geht um die Krise auf der Krim und im Donbass, die Aggression von Russlands Präsident Wladimir Putin gegen die Ukraine, die Sanktionen gegen Moskau und natürlich die umstrittene Gaspipeline Nordstream 2. Und natürlich um die Szene zu Beginn des Besuchs.

Auf die Reporterfrage, ob sich die Bürger Gedanken über ihren Gesundheitszustand machen müssten, gibt sich die Kanzlerin entspannt. „Ich hab' inzwischen mindestens drei Gläser Wasser getrunken, das hat offensichtlich gefehlt. Und insofern geht es mir sehr gut“, versucht Merkel, die Öffentlichkeit zu beruhigen. Und Selenskyj setzt kurz darauf charmant hinzu: „Was Frau Merkel anbelangt, so stand ich neben ihr. Und glauben Sie mir: Sie war in voller Sicherheit“, übersetzt die Dolmetscherin.

In der Sache war das Treffen nur zum Teil harmonisch. Auf die von Selenskyj geforderte Ausweitung der Wirtschaftssanktionen gegen Russland ging Merkel nicht ein. Die Positionen zur deutsch-russischen Gaspipeline Nord Stream 2 gehen weiter „diametral“ auseinander, wie Selenskyj es sagte.

Hauptthema des Treffens war aber, wie der festgefahrene Friedensprozess für die Ostukraine wieder in Gang gebracht werden kann. Deutschland und Frankreich fungieren dabei als Vermittler zwischen Russland und der Ukraine.

Frisch gewählter neuer Staatschef

Zwar hat der 41-jährige Selenskyj seit seiner Wahl im April immer wieder betont, den Krieg in seinem Land rasch beenden zu wollen. Echte Schritte fehlen aber – auch weil er ein Staatschef ohne Machtbasis ist. Er hofft darauf, bei den vorgezogenen Wahlen am 21. Juli mit eigenen Abgeordneten ins Parlament einzuziehen. Auch deshalb machte er beim Treffen mit der Kanzlerin deutlich, dass es wohl erst dann richtig losgehen könne mit dem Regieren.

Russische Medien schlachteten den Zitteranfall von Merkel übrigens teilweise mit hämischem Unterton aus. Das Staatsfernsehen veröffentlichte einen Videoclip unter dem Titel: „Beim Treffen mit Selenskyj fing Merkel an zu zittern.“ Das kremlnahe Klatschportal life.ru schrieb zum Clip: „Merkel bebte beim Treffen mit Selenskyj wie nach einem Stromschlag.“ Als dagegen der russische Präsident Wladimir Putin unlängst nach einem Eishockey-Spiel über einen roten Teppich in der Arena stolperte und frontal auf den Boden klatschte, zeigten das russische Staatsmedien nicht.

dpa

stol