Gemeint war das Versprechen von EZB-Chef Mario Draghi, „alles Erforderliche zu tun, um den Euro zu erhalten“. Dies sei genau das Ziel, dem sich auch die EU-Regierungen verpflichtet fühlten, betonte Merkel. Sie hat Anlass zur Freude, denn damit hat die Politik die EZB mit ihren theoretisch unbegrenzten Finanzmitteln da, wo sie sie haben will: als Allzweckwaffe im Zentrum des Sturms an den Märkten, der zunehmend Italien und Spanien bedroht. Das muss nicht die schlechteste aller Lösungen sein, vielleicht ist es sogar die einzige, die funktioniert. Aber es belegt auch, dass die Politiker die Krise nicht alleine lösen können oder wollen.Monatelang wurde in der Euro-Zone gestritten über ein Mittel gegen die immer höher steigenden Zinsen. Aber nichts ließ sich – vor allem gegen Merkel – durchsetzen oder versprach ernsthaft Aussicht auf Erfolg: Weder eine „Hebelung“ der Rettungsschirm-Milliarden, noch eine „Banklizenz“, geschweige denn „Euro-Bonds“ oder ein Altschuldentilgungsfonds. Es ist wie bei Monopoly: Nach einer langen teuren Runde kommen die Regierungen zurück auf Los und freuen sich nun auf frisches Geld von der (Zentral)-Bank.Wer sich in deutscher Koalition und Bundesregierung zu Draghi umhört, trifft derzeit auf viele zufriedene Gesichter. Natürlich sei die EZB völlig unabhängig, wird Stein und Bein geschworen – Hand auf's Herz! Aber es sei doch schön, dass sie das richtige tue oder? Merkel drückte das dann in Kanada so aus: „Was der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, gesagt hat, haben wir vielfach politisch wiederholt.“ Fakt ist aber: Ohne die EZB hätte die Kanzlerin wegen Italien und Spanien wohl irgendwann vor der Wahl gestanden, den Rettungsschirm erneut aufzustocken oder doch noch bei den Euro-Bonds einzuknicken. Beides wäre in der schwarz-gelben Koalition aber kaum durchsetzbar gewesen.Bei so viel Erleichterung, auch an den Börsen, wird schnell übersehen, welche Folgen es haben kann, dass Draghis EZB die abgekämpften Euro-Regierungen huckepack nimmt. „Damit gibt die deutsche Kanzlerin de facto einer Euro-Inflationierungspolitik – denn darauf läuft der EZB-Plan hinaus – ihren Segen“, sagt Degussa-Volkswirt Thorsten Polleit. Das Feigenblättchen sei der Verweis auf „Konditionalität“, Bedingungen also: Die EZB kaufe ja nur dann auch Anleihen, so Draghi, wenn sich die Staaten zu Reformen verpflichtet hätten und der Rettungsschirm zuvor selbst Anleihen angeschlagener Staaten gekauft habe – also im Notfall.„Der Notfall wird aber sein, dass die Zinsen höher sind, als von den Regierungen gewünscht“, sagt Polleit. Weil ihnen die Zinsen jedoch nie tief genug sein könnten, sei der „Notfall“, der die EZB zum Handeln drängen werde, schon jetzt absehbar. In der Praxis laufe das auf eine Monetarisierung der Schulden hinaus und damit auf die Entschuldung durch Geldentwertung – sprich Inflation. Dass das auch ordnungspolitisch nicht in Ordnung ist, wird in der Bundesregierung durchaus gesehen – aber was ist die Alternative? Reformen brauchten Zeit, heißt es, und die einzige verfügbare „Bazooka“, die die Märkte in Schach halten kann, ist aus ihrer Sicht ... richtig: die EZB.Ein konsequenter Stabilitätskurs deutscher Tradition geht freilich ganz anders. Während die Kanzlerin Draghi lobt, wird Deutsche-Bundesbank-Präsident Jens Weidmann nicht müde, den Finger in die Wunde zu legen: „Egal, ob es um Zinsen geht oder um irgendwelche Sondermaßnahmen – am Ende läuft es immer darauf hinaus, dass die Notenbank für Ziele der Fiskalpolitik eingespannt werden soll.“ Damit überschätze die Politik aber die Möglichkeiten der Notenbank und überfordere sie. Das ist die Minderheitsmeinung in der EZB, eigentlich eine Einzelmeinung. Denn Weidmann war der einzige, der bei der letzten EZB-Ratssitzung gegen Draghis Pläne stimmte. Intern gibt der Widerstandskämpfer in Nadelstreifen bereits Durchhalteparole aus: „Wir werden weiterhin mit allen Mitteln und auf allen Ebenen für unsere Positionen eintreten, damit die Währungsunion weiter als Stabilitätsunion gelebt wird“, hieß es jüngst im Mitarbeitermagazin der Bundesbank.Für Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer hat der Weg in eine, wie er es nennt, „italienische Währungsunion“ längst begonnen. Sie ist für den renommierten Experten das wahrscheinlichste Szenario für die Zukunft der Euro-Zone: Mehr Inflation und eine schwache Währung zur Entlastung der Schuldenländer. Unendlich lasse sich dieses Spiel nicht fortsetzen, aber eine ganze Weile. Zwar werde in einigen Jahren die Kehrseite sichtbar, die aus Geldentwertung, dem Einbruch einer künstlichen Konjunktur und einer steigenden Arbeitslosigkeit besteht: „Aber aus Sicht der Politiker und vieler Wähler dürfte es noch auf viele Jahre zu risikoreich sein, die Währungsunion aufzukündigen.“ Jedenfalls voraussichtlich so lange, wie die EZB den Geldhahn aufdreht. Matthias Sobolewski und Andreas Framke/Reuters