Donnerstag, 14. Oktober 2021

Mindestens sechs Tote bei Protesten in Beirut

Bei einer Demonstration gegen den mit der Explosionskatastrophe von Beirut befassten Richter sind im Libanon mindestens sechs Menschen getötet worden. Innenminister Bassam Maulawi machte „Scharfschützen“ für die Gewalt in der Hauptstadt Beirut am Donnerstag verantwortlich und rief dazu auf, „den zivilen Frieden zu wahren“. 30 weitere Menschen wurden nach Angaben des libanesischen Roten Kreuzes verletzt.

Ein Kämpfer der Hisbollah mit Kalaschnikow am Donnerstag in Beirut. Mindestens 6 Menschen kamen ums Leben.
Ein Kämpfer der Hisbollah mit Kalaschnikow am Donnerstag in Beirut. Mindestens 6 Menschen kamen ums Leben. - Foto: © APA/afp / IBRAHIM AMRO
Die Kundgebung gegen Richter Tarek Bitar war von den schiitischen Bewegungen Hisbollah und Amal organisiert worden. Sie wollen Bitars Entlassung erreichen, der mit der Untersuchung der Explosion vom August 2020 im Hafen von Beirut betraut ist.

Unweit des Justizpalasts, vor dem sich Hunderte Demonstranten versammelt hatten, waren Schüsse und Explosionen zu hören. Das Militär entsandte Panzer und riegelte das Viertel ab. Die Armee warnte, sie werde auf jeden schießen, der das Feuer eröffne.

Die Straßen Beiruts lagen nach den tödlichen Vorfällen verlassen da, die Menschen flüchteten sich in ihre Wohnungen. Bei den Bewohnern weckten die Szenen Erinnerungen an längst vergangen geglaubte Kriegserlebnisse. „Ich habe mich mit meinem Cousin und meiner Tante in einem zwei Quadratmeter großen Raum versteckt, weil wir Angst vor Querschlägern hatten“, sagte die Anwohnerin Bissan al-Fakih der Nachrichtenagentur AFP.

Unter den Toten ist nach Angaben von Medizinern auch eine 24-jährige Frau, die zuhause von einem Querschläger getroffen wurde. Was genau zu der Welle der Gewalt führte, ist bisher unklar. Die Hisbollah und die Amal-Bewegung beschuldigten „Scharfschützen auf Gebäudedächern“, auf ihre Anhänger geschossen zu haben.

Regierungschef Nadschib Mikati rief zu Ruhe auf und warnte davor, den Libanon in eine Spirale der Gewalt zu stürzen. Auch die französische Regierung zeigte sich besorgt angesichts der Gewaltausbrüche und rief alle Beteiligten zur Zurückhaltung auf. Zugleich mahnte eine Sprecherin des französischen Außenministeriums, die libanesische Justiz müsse „unabhängig und unparteiisch arbeiten“ können.

Seit einiger Zeit mehren sich im Libanon die Forderungen, den Richter Tarek Bitar seiner Funktion zu entheben. Zu den prominenten Politikern, die dies fordern, zählt Hisbollah-Chef Hasan Nasrallah.

Bitar hatte auf richterliche Anordnung hin seine Ermittlungen am Dienstag zum zweiten Mal innerhalb eines Monats unterbrechen müssen. Anlass war eine Klage zweier der Amal-Bewegung angehörenden Ex-Minister, die der Richter wegen des Verdachts auf Fahrlässigkeit einbestellt hatte. An diesem Donnerstag entschied das Kassationsgericht dann aber, dass Bitar seine Ermittlungen fortsetzen kann.

Am 4. August 2020 waren im Hafen von Beirut Hunderte Tonnen falsch gelagertes Ammoniumnitrat detoniert. Die Explosion machte ganze Stadtteile der libanesischen Hauptstadt dem Erdboden gleich, mehr als 200 Menschen wurden getötet. Die Regierung des damaligen Ministerpräsidenten Hassan Diab trat in der Folge zurück.

Menschenrechtsorganisationen und Angehörige der Opfer befürchten eine bevorstehende Absetzung Bitars und das endgültige Versanden seiner Ermittlungen. Bisher wurde noch niemand wegen des auf Behördenversagen zurückgeführte Unglück im Hafen von Beirut vor Gericht gestellt. Die Forderung vieler Libanesen nach einer internationalen Untersuchung zu der Explosionskatastrophe wiesen die Behörden bisher stets zurück.

apa