Der Prozess gegen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher Ratko Mladic hat vor dem UN-Tribunal in Den Haag noch nicht begonnen, und schon versuchen die Muslime und Serben, Pflöcke zur Bedeutung des spektakulären Verfahrens einzuschlagen.Es geht für beide Seiten um sehr viel Beide Seiten erhoffen sich von der Beweisführung der Anklage die Stärkung der eigenen Position. Es geht um viele Milliarden Euro und möglicherweise sogar um die Existenz der serbischen Landeshälfte in Bosnien-Herzegowina.„Mladic könnte zum Schaden Serbiens beweisen, dass er während der Operation Srebrenica unter dem direkten Kommando der Behörden Jugoslawiens (Serbiens) stand und dass er nichts getan hat ohne deren Zustimmung oder deren Befehl“, erklärte Vojin Dimitrijevic am Mittwoch in der Belgrader Zeitung „Danas“ das Problem. Rechtsprofessor Dimitrijevic ist einer der führenden Menschenrechtsvertreter Serbiens. Bisher hatte Serbien immer behauptet, es habe zu Beginn des Krieges mit den Landsleuten in Bosnien gebrochen und daher nichts mit den Verbrechen zu tun.Sollte der höchstgerichtlich bereits festgestellte Völkermord im ostbosnischen Srebrenica mit der Ermordung von bis 8000 Muslimen durch die Mladic-Truppen wirklich auf Anordnung Serbiens zurückgeführt werden können, käme auf dieses arme Balkanland die Forderung nach Kriegsentschädigungen in Milliarden-Euro-Höhe zu. Dies könnte leicht die ohnehin geringe Leistungsfähigkeit der serbischen Wirtschaft überfordern.Muslime hoffen auf neues Verfahren vor dem IGH Auf der anderen Seite wittern die Muslime durch den Mladic-Prozess die Chance, das Völkermordverfahren gegen Serbien vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) wieder aufzunehmen. Der IGH hatte bisher die Srebrenica-Morde zwar als Genozid eingestuft, Serbien aber nur verurteilt, weil es nichts zur Verhinderung dieses monströsen Verbrechens getan hatte. Die direkte Verantwortung Belgrads für Srebrenica sei nicht zu beweisen, hatte es in dem IGH-Urteil geheißen.„Für uns wäre genug, wenn das Tribunal bestätigte, dass man in Belgrad wusste, dass Mladic Völkermord begehen wird“, sagte der muslimische Rechtsvertreter Safet Softic in dieser Woche der Zeitung „Dnevni Avaz“ in Sarajevo: „Für uns ist wichtig, dass Mladic bekräftigt, dass seine Aktivitäten in Belgrad bekannt waren und dass er über deren Verlauf in Belgrad berichtet hatte“. Sollte das im Mladic-Prozess nachgewiesen werden, soll erneut eine Klage gegen Serbien eingebracht werden, kündigte er an.Und dann sind da noch die Serben in Bosnien, die sogar um die Existenz ihrer fast unbegrenzt selbstständigen Landeshälfte fürchten. Denn wenn aus dem Mladic-Verfahren heraus kommt, dass ihre Republika Srpska auf Völkermord aufgebaut wurde, könnte sich die Frage nach ihrem Fortbestand stellen. Dem hat der Präsident der Serbenrepublik, Milorad Dodik, schon einen Riegel vorgeschoben. Der Prozess in Den Haag könne sich auf keinen Fall auf die Existenz der serbischen Landeshälfte auswirken, sagte der wichtigste bosnisch-serbische Politiker am Mittwochabend im Belgrader Fernsehen.Es handele sich bei Mladic nur um „individuelle Verantwortung“, die nicht die staatlichen Institutionen berühre, sagte er weiter. Er bestritt erneut, dass das Massaker von Srebrenica mit bis zu 8000 Toten ein Völkermord gewesen sei, wie es vom mehreren internationalen Gerichten inzwischen festgestellt wurde. Es handele sich vielmehr „nur“ um ein besonders schweres Verbrechen. Das Tribunal ziele aber auf eine „Satanisierung der Serben“.apa/dpa