Mit der Maienfelder Erklärung wollen die Naturschützer Politik und Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen. Einer von ihnen ist der Schweizer Biologe und Wolfsexperte Marcel Züger. Im Interview erklärt er die Gründe für diese Warnung. <b><BR /><BR />Warum diese Maienfelder Erklärung?</b><BR />Marcel Züger: Artenschutz wird oft im gleichen Atemzug mit Wolfsschutz genannt, als wäre es das Gleiche, dabei ist es das Gegenteil. Wir wollen das in der Erklärung aufzeigen, die wir unter anderem an alle Umweltminister in Europa geschickt haben. Aber wir wollen auch die Öffentlichkeit aufklären.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1013529_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Weil man den Gegensatz in den Ministerien nicht versteht?</b><BR />Züger: Ich denke, die Ministerien wurden bisher einseitig informiert. Für uns Wissenschaftler ist diese schützende Haltung gegenüber dem Wolf völlig unverständlich. Wir setzen eine wunderbare Artenvielfalt auf unseren Almen und Bergwiesen aufs Spiel für eine einzige, nicht mehr gefährdete Tierart. Die zudem noch jede Menge andere Probleme mit sich bringt. Vielleicht sollten wir uns das einmal von einem Psychologen erklären lassen. Ich meine das nicht despektierlich, ich würde wirklich gerne verstehen, wo das herkommt. <BR /><BR /><BR /><b>Weil der Wolf unseren Hunden so ähnelt?</b><BR />Züger: Zum Teil wahrscheinlich Ja. Die extremen Wolfsschützer haben eine äußerst menschenfeindliche Haltung, überhaupt eine lebensfeindliche Haltung, die anderen Tier- und Pflanzenarten sind ihnen nämlich egal, auch die gerissenen Tiere, die qualvoll zugrunde gehen. Das ist wohl nur eine Minderheit, allerdings treten diese sehr laut auf. Es gibt viele Menschen, die sich dann von diesen verleiten lassen. Denn wir haben ja tatsächlich ein Problem mit einer Zivilisation, die sich überallhin ausbreitet, mit einem Mangel an Respekt gegenüber der Natur. Hier wird der Wolf als Erlöser und Heilsbringer gesehen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-64123101_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Bei den gerissenen Tieren heißt es gern, das sei nun einmal der Lauf der Dinge in der Natur...</b><BR />Züger: Wir reden hier aber nicht von unberührter Wildnis und von Wildtieren untereinander. Wenn ein Wolf einen Hirsch reißt oder einen Elch, damit habe ich kein Problem. Aber unseren Nutztieren haben wir in vielen Jahrhunderten den Fluchtinstinkt aberzogen und weggezüchtet, um sie überhaupt als Nutztiere halten zu können. Die sind einem Wolf und erst recht einem ganzen Rudel schutzlos ausgeliefert, das ist kein faires Spiel. Dabei haben wir gegenüber diesen Tieren eine Verantwortung. Es gibt jede Menge Bestimmungen zum Tierwohl von der Haltung bis zur Schlachtung, die richtigerweise einzuhalten sind. Nur beim Wolf spielt das keine Rolle mehr? Ich finde das schizophren. Das gilt übrigens auch für die drohenden Konsequenzen in der Tierhaltung aus den Wolfsrissen.<BR /><BR /><BR /><b>Inwiefern?</b><BR />Züger: Wir haben ja gerade dort Probleme mit dem Wolf, wo wir die aus Sicht des Tierwohls beste Landwirtschaft haben. Nämlich dort, wo die Tiere auf der Alm und auf den Weiden sein dürfen. Wo Tiere 365 Tage im Jahr im Stall stehen, da gibt es keine Probleme mit dem Wolf. Doch die Konsequenz der andauernden Risse wird sein, dass die Landwirte ihre Tiere eben nicht mehr auftreiben, sondern im Stall lassen. Und genau das bedroht in nächster Konsequenz die Artenvielfalt. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1013760_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Wieso?</b><BR />Züger: Auf unseren bewirtschafteten Almen und Bergwiesen gibt es eine einmalige Artenvielfalt: Insekten, Pflanzen, Vögel, die genau diesen Lebensraum benötigen. Um es unmissverständlich zu sagen: Die traditionelle Bewirtschaftung hat die Artenvielfalt erhöht. Treibt der Landwirt sein Vieh nicht mehr auf, dann werden die besseren, weil zugänglicheren Flächen stattdessen intensiver bewirtschaftet, um mehr Futtermittel zu bekommen. Die anderen Flächen werden aufgelassen, verbuschen und verwalden. In dieser Zange verschwindet die Artenvielfalt, um die wir uns in den vergangenen Jahrzehnten so sehr bemüht haben. <BR /><BR /><BR /><b>...bemüht und mit viel Steuergeldern gefördert...</b><BR />Züger: Das stimmt. Wir haben in der Schweiz und auch auf EU-Ebene mit diesen gezielten Landwirtschafts-Förderungen schöne Erfolge erzielt. Wenn ich an die frühen 80er Jahre denke, dann wollten die Landwirte damals nur für ihre Produkte bezahlt werden, entsprechend groß war der Druck auf die artenreichen Wiesen und Weiden. Heute ist es für die Bauern eine Selbstverständlichkeit, dass sie sich um die Pflege dieser einmaligen Kulturlandschaft kümmern. Das wird vom Staat bezahlt, das ist auch richtig so, schließlich hängt da viel Wissen und Arbeit dran. Und es hat sich eine funktionierende Zusammenarbeit entwickelt, durch die sich die Biodiversität an etlichen Orten erholt hat.<BR /><BR /><BR /><b>Das alles ist jetzt in Gefahr?</b><BR />Züger: Ja. Die Gefahr war vor 40 Jahren ebenso groß, damals durch die Intensivierung der Landwirtschaft. Jetzt ist es der Wolf, der eine ähnlich dramatische Nutzungsänderung verursachen wird. Ist eine Kulturlandschaft einmal weg, dann ist sie weg. Verbuscht ist verbuscht – und aufgelöste Betriebsstrukturen kann man auch nicht mehr so einfach aus der Reserve holen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1013532_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Aber was ist denn mit dem viel gepriesenen Herdenschutz?</b><BR />Züger: Sie meinen die Zäune? Ja, das ist schon wieder so eine Schizophrenie. Wenn bisher ein Landwirt seine Herde, da wo es das Gelände überhaupt zulässt, mit den klassischen Schafszäunen einzäunen wollte, dann wurde das kritisch gesehen. Es gefährde andere Tiere, die sich darin verheddern oder einen tödlichen Stromschlag bekommen könnten. Beim Wolf spielt das alles keine Rolle mehr. Jetzt werden bis hinauf auf die höchsten Alpweiden kilometerweise Elektrozäune aufgestellt: Schlangen, Eidechsen, Frösche, Kröten werden an den Zäunen getötet. Eine erwachsene Gämse schafft den Sprung über den Zaun, junge Tiere werden ausgesperrt. Andere verheddern sich auch mit dem Gehörn darin, auch Großvögel kommen zu Tode. Das ist doch alles völlig widersinnig – und hat mit Tierschutz und Naturschutz nichts zu zu tun. Ginge es nicht um den Wolf, dann würde kein Landwirt mit einem solchen Zaunprojekt durch die Umweltverträglichkeitsprüfung kommen. <BR /><BR /><BR /><b>Und Herdenschutzhunde?</b><BR />Züger: Sie kennen sicher den Spruch: Viele Hunde sind des Hasen Tod? Jeder Spaziergänger ist angehalten, seinen Hund an der Leine zu halten, zum Schutz von Hasen, brütenden Vögeln, Kitzen etc. Geht es um den Wolf, spielt das alles keine Rolle mehr. Auch hier dürfen plötzlich Hunde frei rumlaufen, gerade an Orten, an denen besonders viele und besonders sensible Tiere vorkommen. Und bei Herdenschutzhunden handelt es sich nicht um kleine Schoßhündchen, das sind stattliche Tiere, die auch jedem Wanderer gefährlich werden könnten. Die Erfahrung zeigt übrigens schon: Schneehasen, Feldhasen, Birkhühner, Schneehühner etc.. verschwinden, da wo es Herdenschutzhunde gibt. Entweder sie weichen von alleine oder sie werden von den Hunden getötet. <BR /><BR /><BR /><b>Apropos Wanderer, es heißt immer, der Wolf meide den Menschen, für Wanderer sei er also kein Problem ...</b><BR />Züger: Wollen wir warten, bis einmal etwas Gröberes passiert? Und das wird passieren. Dann ist es auch mit dem Tourismus vorbei. Ich sehe schon Regionen Werbung machen mit dem Versprechen „garantiert bär- und wolfsfrei“. Und wieder: Massentourismus wird weniger davon betroffen sein, sondern vielmehr der sanfte, naturnahe Tourismus.<BR /><BR /><BR /><b>Das mit dem scheu scheint ja auch nicht zu stimmen, gerade in letzter Zeit mehren sich im Trentino Sichtungen von Wölfen im besiedelten Gebiet.</b><BR />Züger: Dass der Wolf von sich aus scheu sei, ist eine Mär. Diese „natürliche Scheu“ gibt es nicht. „Ihre Scheu“ ist zum einen anerzogen, denn früher wurde auf jeden Wolf geschossen, den man gesehen hat. Daraufhin haben sie sich immer weiter zurückgezogen. Und zweitens kam es zu einer genetischen Auslese, indem nur die scheuen Tiere überlebten. Derzeit passiert genau das Gegenteil. Der Wolf lernt, dass ihm nichts passiert – und dem frechsten gehört die Welt. <BR /><BR /><BR /><b>Wir aberziehen dem Wolf die Scheu und machen ihn sozusagen zum Kulturfolger?</b><BR />Züger: Wölfe sind intelligent, sie wissen sehr genau, was sie machen. Ein Wolf im Siedlungsgebiet hat sich nicht verlaufen, der geht bewusst dorthin. Der schaut sich einfach um, vielleicht gibt es ja irgendwo was zu fressen. Da kann man sich auch das Vergrämen mit Gummigeschossen sparen, ein solcher Wolf muss weg. Zu dieser Erkenntnis können wir jetzt kommen, oder wir kommen später drauf, wenn die Situation eskaliert. Aber das ist dann mit Sicherheit für mehr Wölfe tödlich.<BR /><BR /><BR /><b>Welche Lösung bieten Sie in der Maienfelder Erklärung?</b><BR />Züger: Wir müssen dringend rote Linien ziehen, Gebiete festlegen, in denen der Wolf sein darf und solche, in denen er es nicht darf. Eine Ko-Existenz Mensch/Wolf ist nur mit scheuen Wölfen möglich. Mit habituierten Wölfen, also solchen, die keine Scheu vor dem Menschen haben, ist sie unmöglich. Zudem muss man sagen, dass der Wolf in seiner Existenz in Europa schon lange nicht mehr gefährdet ist. Laut der Weltnaturschutzunion IUCN schon seit 2007 nicht mehr. Der Schutzstatus in Europa ist also eine rein politische Entscheidung und hat nichts mit der Notwendigkeit, den Wolf zu schützen, zu tun. Die Population nimmt im Gegenteil jedes Jahr um 40 Prozent zu. Allein um den derzeitigen Status zu halten, müssten also jährlich 40 Prozent geschossen werden. Die Rechnung ist einfach: je mehr Wölfe, desto mehr Wölfe müssen erlegt werden.<BR />