<h3> Ein neues nukleares Zeitalter</h3>Der Krieg in der Ukraine, die Eskalation im Nahen Osten und der schleichende Zerfall internationaler Abrüstungsabkommen rücken die Angst vor einem Atomkonflikt wieder ins Zentrum der Weltpolitik. Der ukrainische Historiker Serhij Plochij spricht deshalb von einem neuen, gefährlichen „Zeitalter der Atomwaffen“.<h3> Kritik an der geopolitischen Entwicklung</h3>Besonders kritisch bewertet Plochij die Folgen der nuklearen Abrüstung nach dem Kalten Krieg. Der russische Angriff auf die Ukraine sei aus seiner Sicht auch eine Konsequenz davon, dass Kiew in den 1990er-Jahren seine Atomwaffen abgegeben habe. Die damalige Weltordnung sei letztlich „in den Flammen des russisch-ukrainischen Krieges“ untergegangen, schreibt er in seinem Buch „Das Zeitalter der Atomwaffen“, das kürzlich auf Deutsch erschienen ist.<h3> Zweifel an militärischen Strategien</h3>Auch die heutige Sicherheitsstrategie vieler Staaten sieht der Historiker skeptisch. Zunehmend würden Präventivschläge eingesetzt, um andere Länder am Erwerb von Atomwaffen zu hindern – ein Ansatz, den Plochij historisch für fragwürdig hält.<BR /><BR />„Als Historiker kann ich nach 1945 keinen einzigen Fall nennen, in dem die Tatsache, dass ein weiteres Land Atomwaffen erworben hat, zu einem Krieg geführt hat“, betont er.<h3> Wenn Nichtverbreitung Kriege auslöst</h3>Im Gegenteil: Gerade die Versuche, die Weiterverbreitung von Atomwaffen zu verhindern, hätten mehrfach Konflikte befeuert. Als Beispiele nennt Plochij den Irakkrieg 2003 sowie den aktuellen Krieg der USA und Israels gegen den Iran. Auch im Fall der Ukraine habe die atomare Abrüstung eine strategische Schwäche geschaffen, die den Angriff Russlands begünstigt habe.<h3> Kein Plädoyer für Aufrüstung</h3>Gleichzeitig stellt Plochij klar, dass seine Analyse keine Forderung nach mehr Atomwaffen ist. Vielmehr plädiert er für ein grundlegendes Umdenken in der internationalen Politik. Eine falsch umgesetzte Nichtverbreitungspolitik könne das Gegenteil bewirken und Staaten erst recht dazu treiben, nach nuklearer Abschreckung zu streben.<h3> Die Angst als Lebensversicherung</h3>Eine zentrale These seines Buches ist provokant: Die Angst vor der totalen Vernichtung habe die Menschheit seit 1945 am Leben gehalten. Gerade die Furcht vor einem „nuklearen Armageddon“ habe die Supermächte während des Kalten Krieges gebremst und größere Konflikte verhindert.<h3> Lektionen aus der Kubakrise</h3>Als historisches Schlüsselereignis blickt Plochij auf die Kubakrise von 1962 zurück – den wohl gefährlichsten Moment der Menschheitsgeschichte. Damals standen sich die USA und die Sowjetunion mit Atomraketen direkt gegenüber.<BR /><BR />Letztlich zog die Sowjetunion ihre Raketen zurück, nachdem klar wurde, wie nahe die Welt an der nuklearen Katastrophe stand. Der Schock dieser Tage führte dazu, dass beide Seiten alles unternahmen, um einen Atomkrieg künftig zu verhindern.<h3> Zerfall des „Gleichgewichts des Schreckens“</h3>Aus dieser gegenseitigen Angst entstand das sogenannte „Gleichgewicht des Schreckens“. Es bildete die Grundlage für Abrüstungs- und Rüstungskontrollabkommen während des Kalten Krieges.<BR />Heute jedoch sieht Plochij diese Ordnung zunehmend bröckeln: Statt zwei Atommächten gibt es mittlerweile neun, während zentrale Verträge aufgekündigt oder ausgehöhlt wurden.<h3> Eine Welt auf gefährlichem Kurs</h3>Die Angst vor einem Atomkrieg ist damit zurück – in einer komplexeren und unübersichtlicheren Welt als je zuvor. Ein Satz eines Thinktanks bringt die Lage auf den Punkt: „Die Rüstungskontrolle ist tot. Es lebe die Rüstungskontrolle!“<h3> Appell an den Selbsterhaltungstrieb</h3>Für Plochij liegt die Hoffnung letztlich im menschlichen Selbsterhaltungstrieb. Genau dieser müsse wieder gestärkt werden – auf allen Seiten. Nur so könne verhindert werden, dass aus den neuen Spannungen tatsächlich ein heißer Konflikt wird. Sein Appell ist klar: Alles müsse daran gesetzt werden, dass auch zukünftige Kriege „kalt“ bleiben.