Samstag, 03. Oktober 2015

„Nicht nur in Deutschland hatte man Angst“

Er war 49 Jahre alt und frisch gebackener Südtiroler Landeshauptmann, als die Nachricht der deutschen Wiedervereinigung um die Welt ging: Luis Durnwalder erinnert sich noch genau an den Herbst 1990. Passend zu 25 Jahren deutscher Einheit erzählt der Alt-Landeshauptmann im Interview mit STOL, wie er die Wiedervereinigung erlebt hat, warum sich der Kontinent dadurch veränderte und weshalb man anfangs davor Angst hatte.

Foto: DLife
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Südtirol Online: Herr Durnwalder, wie haben Sie vor 25 Jahren von der Wiedervereinigung erfahren?

Luis Durnwalder: Daran kann ich mich noch gut erinnern. Ich war damals beim Törggelen in Villanders, als mich die Nachricht erreichte, dass Ost- und Westdeutschland nun einen gemeinsamen Staat bilden.

STOL: Ihre ersten Gedanken?

Durnwalder: Ich habe mich gefreut – für die Deutschen als Volk und über die Symbolkraft, die diese Einheit für Europa hatte. Ich habe mir gedacht: Jetzt ist das Hin und Her endlich vorbei, das vereinte Deutschland ist da. Auch wenn die Freude nicht mehr so spontan war.

STOL: Nicht mehr so spontan?

Durnwalder: Ein Teil der Verträge, die das alles in die Wege geleitet haben, war zu diesem Zeitpunkt bereits unterzeichnet. Irgendwie lag es in der Luft, dass die Einheit vollzogen wird. Viel emotionaler war ich etwa, als ich die Bilder vom berühmten Spaziergang Helmut Kohls und Michail Gorbatschows gesehen habe, oder Kohl sein Zehn-Punkte-Programm für ein friedliches Europa vorgestellt hat. Nichtsdestotrotz war es ein schönes Gefühl.

STOL: Den „Dolomiten“ haben sie genau vor 25 Jahren gesagt, dass die Deutsche Einheit „das Bild des Kontinents grundlegend verändern wird“. Inwieweit hatten Sie mit der Vorhersage Recht?

Durnwalder: Deutschland hat eine völlig neue Position auf dem europäischen Kontinent eingenommen. Es ging wirtschaftlich gestärkt aus der Einheit hervor. Die neue Macht, die das Land dadurch erhalten hat, prägte den Kontinent natürlich in einer gewissen Weise mit. Auch wenn es etwas gedauert hat, bis sich das vollends entfalten konnte.

STOL: Sie sprechen damit die Schwierigkeiten an, die mit der Wiedervereinigung in Verbindung gebracht wurden. Schon im Oktober 1990 haben Sie davor gewarnt, dass es nicht so einfach werden würde. Das hat sich also auch bewahrheitet.

Durnwalder: Hat es sich in der Tat. Es war mir schon damals bewusst, dass es nicht von heute auf morgen einwandfrei funktionieren würde. Der Westen war wirtschaftlich viel stärker als der Osten. Er musste dann auch zwei Drittel der gesamten Staatskosten übernehmen und viele Altschulden aus dem Osten mit abbezahlen. Das sorgt selbstverständlich für Spannungen. Ebenso wurde den Ostdeutschen, meiner Meinung nach, zu Beginn der Einheit viel zu viel versprochen, wohlstandsmäßig, was dann nicht gehalten werden konnte. Das hat Unzufriedenheit und Angst erzeugt. Nicht nur in Deutschland hatte man Angst.

STOL: Wo noch?

Durnwalder: In ganz Europa, vielleicht auf der ganzen Welt. Über Jahrzehnte lang waren der Osten und Westen getrennt. Niemand wusste, wie sich das entwickeln wird. Ich kann mich zum Beispiel erinnern wie der damalige italienische Ministerpräsident, Giulio Andreotti, gesagt hat: „Ich liebe die Deutschen so sehr, dass  mir zwei Staaten mit ihnen lieber wären.“ Da merkt man, dass das Thema mit etwas Argwohn betrachtet wurde.

STOL: Und doch hat sich alles zum Guten gewendet…

Durnwalder: Allerdings. Es war der richtige Schritt zur richtigen Zeit. Eine glückliche Fügung der Geschichte.

STOL: Das sehen nicht alle so. Vor allem in Deutschland werden heute noch immer wieder Stimmen laut, die von einem im Grunde getrennten Land sprechen. Manche fordern sogar eine erneute Teilung.

Durnwalder: Jene, die auch heute noch rumjammern, kann ich verstehen. Der deutsche Westen ist auch noch heute um einiges reicher als der Osten. Da kommt Neid auf. Aber den gibt es doch überall, das ist normal. Selbst in einem kleinen Land wie Südtirol beneiden wir uns gegenseitig und es kann zu Spannungen kommen – wenn der Vinschger etwa dem Pusterer etwas nicht gönnt oder umgekehrt. Dennoch war die Einheit so immens wichtig: Sie hat die Ost-West Zusammenarbeit gestärkt, für Frieden in Europa gesorgt. Die Deutschen stehen heute so gut da, sind so wichtig, wie nie zuvor – wirtschaftlich wie auch politisch. Also hat man mit der Einheit alles richtig gemacht. In Zukunft wird das starke, vereinte Deutschland einen großen Teil dazu beitragen, dass es uns Europäern gut geht.

Interview: bfk 

stol