Der Papst kam in die Kathedrale von Acerra, wo Familien von Opfern der Umweltverschmutzung auf ihn warteten. Nach Angaben italienischer Medien feierten rund 12.000 Menschen den Pontifex bei seiner Ankunft. Der Besuch gilt in der Region als Zeichen der Hoffnung. Der Bischof von Acerra, Antonio Di Donna, schilderte Leo XIV. die dramatische Umweltlage und verlas die Namen der jüngsten Opfer der Umweltverschmutzung. Während seiner Ansprache musste der Bischof seine Rede aus Rührung kurz unterbrechen.<BR /><BR />In seiner Ansprache in der Kathedrale appellierte der Papst an Kirche, Institutionen und Bevölkerung, sich gemeinsam gegen Umweltzerstörung, Korruption und Gleichgültigkeit zu stellen. Es gelte, „eine Kultur der Privilegien, der Arroganz der Macht und der fehlenden Rechenschaftspflicht zu überwinden“, die dieser Region wie auch vielen anderen Gebieten Italiens und der Welt schweren Schaden zugefügt habe. „Gott möge neue Formen der Zusammenarbeit sowie der ökologischen und sozialen Erneuerung inspirieren“, sagte der Papst.<BR /><BR />Besonders wandte sich Leo XIV. an die Familien der Opfer von Umweltverschmutzung und illegaler Müllentsorgung. Er rief er dazu auf, den Groll hinter sich zu lassen und selbst jene Gerechtigkeit vorzuleben, die sie fordern. Die Menschen von Acerra rief der Papst auf, Zeugen eines „hartnäckigen Widerstands“ zu sein, der zur Wiedergeburt führen könne. Entscheidend seien Zusammenarbeit zwischen Bürgern und Institutionen, Bildung, Ehrlichkeit in der Arbeitswelt sowie eine gerechte Verteilung von Macht und Wohlstand.<BR /><BR />Trotz der scheinbar ausweglosen Situation dürfe die Hoffnung nicht verloren gehen, sagte Leo XIV. Die Kriminalität, die Korruption und die Gleichgültigkeit schienen zwar weiterhin zu herrschen, doch Gott könne „die Wüste zum Blühen bringen“ und „Trauer in Freude verwandeln“. Der Papst prangerte „gewissenlose Personen und Organisationen“ an, die bisher zu lange ungestraft handeln konnten. Zugleich dankte Leo XIV. insbesondere der Kirche vor Ort, die den Mut gehabt habe, Missstände anzuprangern und den Menschen Hoffnung zu geben.<BR /><BR />Im Gespräch mit Bürgermeistern aus der Gegend rief der Papst zum Umdenken im Wirtschafts- und Lebensmodell auf. In einer konsum- und individualistisch geprägten Gesellschaft seien „Müll, Verschwendung und Gifte“ das Ergebnis eines Wachstumsmodells, das die Menschen „wie verzaubert“ habe, sagte der Pontifex. Dieses Modell habe die Menschen „kränker und ärmer“ zurückgelassen, so der Papst weiter. Stattdessen plädierte Leo XIV. für ein anderes Verständnis von Wohlstand. Man müsse lernen, „anders reich“ zu sein: Stärker auf zwischenmenschliche Beziehungen achten, das Gemeinwohl fördern, die Verbundenheit mit dem eigenen Territorium stärken und dankbarer gegenüber der Aufnahme und Integration von Zugewanderten sein, erklärte er.<BR /><BR />An der Zeremonie in der Kathedrale nahm auch der als bekannte Priester Maurizio Patriciello teil, der sich seit Jahren gegen die Mafia und Umweltverbrechen engagiert. Patriciello forderte ein Ende der „Verwüstung“. Unternehmer dürften nicht weiter produzieren und anschließend zur Kostensenkung Böden verseuchen sowie Menschen krank machen oder töten. „Das können sie nicht tun. Schluss damit“, sagte der Priester laut Medienberichten.<BR /><BR />Zugleich kritisierte Patriciello jene, die die Existenz der „Terra dei Fuochi“ jahrelang bestritten hätten. Wer dies aus wirtschaftlichen Interessen getan habe, müsse sich schämen und um Vergebung bitten. Viele Menschen hätten die Tragweite des Problems lange unterschätzt, sagte der Priester. Er selbst habe das Ausmaß erst nach und nach erkannt - ausgelöst durch „den Schrei eines leidenden Volkes“.<BR /><BR />Der Bischof von Acerra, Antonio Di Donna führte die Entstehung der Umweltkrise in dem Gebiet auf illegale Abfallentsorgung seit den 1980er Jahren zurück. Damals hatten Industrielle aus Norditalien große Mengen giftiger Abfälle entsorgt. Der Begriff „Terra dei Fuochi“ sei zu einem „schändlichen Stempel“ für die Region geworden und habe zum Zusammenbruch der Landwirtschaft beigetragen. Gleichzeitig kritisierte Di Donna ein System, in dem Profitinteressen und „schweigende Komplizenschaft“ dazu geführt hätten, dass die Region zu einem „Marktplatz“ geworden sei.<BR /><BR />Acerra trage zudem die Last, den einzigen Müllverbrennungsanlagen-Standort der süditalienischen Region Kampanien mit der Metropole Neapel zu beherbergen, der das Abfallmanagement des gesamten Gebiets mittrage. Er verwies zudem auf frühere Ermittlungen zu Umweltkriminalität, die lange Zeit unter Verschluss geblieben seien, sowie auf engagierte Polizisten und Beamte, die an Krebserkrankungen gestorben seien. Die Bevölkerung habe sich später in Komitees organisiert, sei jedoch teils selbst unter Druck geraten und der Rufschädigung beschuldigt worden.<BR /><BR />Der Besuch der Papstes in Acerra findet anlässlich des elften Jahrestages der Umwelt- und Sozialenzyklika „Laudato si'“ von Papst Franziskus statt und steht ebenfalls unter diesem Titel. Die Reise war bereits unter Franziskus geplant, musste jedoch wegen der Corona-Pandemie verschoben werden.