Im Bundestag in Berlin forderte er die Politiker auf, konsequent für das Wohl der Menschen einzutreten: „Die Politik muss Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Friede schaffen.“ Der in eine weiße Soutane gekleidete 84-Jährige wirkte zum Start seines Staatsbesuches in der Heimat gelassen und souverän.Benedikt ging beim ersten Auftritt eines Papstes im Bundestag nicht direkt auf die ethischen Debatten über Stammzellforschung und Präimplantationsdiagnostik ein. In einer stellenweise professoral wirkenden Rede betonte er aber: „Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen.“ Politiker und Wissenschaftler seien daher besonders gefordert, ihre Entscheidungen auch moralisch zu bedenken.Die meisten Abgeordneten hießen das Kirchenoberhaupt stehend mit viel Applaus willkommen. Einige Dutzend der 620 Parlamentarier – deutlich weniger als angekündigt – blieben fern, weil sie den Auftritt des Papstes für unvereinbar mit der religiösen Neutralität des Staates halten.Zweimal Heiterkeit im Plenum bei Papst-RedeMit seiner sehr philosophischen Rede im Bundestag hat der Papst zweimal Heiterkeit im Plenum ausgelöst. Nachdem er die Ökobewegung seit den 1970er Jahren gelobt hatte, fügte er hinzu: „Es ist wohl klar, dass ich hier nicht Propaganda für eine bestimmte politische Partei mache – nichts liegt mir ferner als das.“ Dafür erntete Benedikt am Donnerstag Lachen und Beifall, nicht nur aus den Reihen der Grünen.Wenig später zitierte der Pontifex einen Satz des bedeutenden Rechtstheoretikers Hans Kelsen, den dieser im Alter von 84 Jahren gesagt hatte. „Das tröstet mich, dass man mit 84 Jahren offenbar doch noch etwas Vernünftiges denken kann“, meinte der selbst 84-jährige Papst unter erneutem Lachen der Abgeordneten und in Abweichung von seinem Redemanuskript.Nach seiner Rede bekam Benedikt am Donnerstag im Plenum minutenlangen Beifall, auch die anwesenden Parlamentarier der Linken erhoben sich.Papst: Kann Kirchenaustritte verstehenAuf dem Flug nach Deutschland sprach auch Benedikt zuvor kurz den Missbrauchsskandal an. Die Kirche müsse lernen, solche Skandale auszuhalten und jeden Missbrauch zu bekämpfen. Er könne verstehen, dass Menschen, die den Opfern sexuellen Missbrauchs durch Priester nahe stünden, nicht mehr in dieser Kirche sein wollten. Ob er im Verlauf der viertägigen Reise Opfer treffen wird, ist unklar.Bei der Begrüßung durch den deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff beklagte der Papst zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber dem Glauben. „Der Religion gegenüber erleben wir eine zunehmende Gleichgültigkeit in der Gesellschaft, die (...) Nützlichkeitserwägungen den Vorrang gibt.“ Dabei sei die Religion Grundlage für ein gelingendes Miteinander in der Gesellschaft.Die Erwartungen an den Besuch des Pontifex sind groß. Denn die katholische Kirche, mit 24,6 Millionen Mitgliedern größte Religionsgemeinschaft in Deutschland, steckt in einer tiefen Krise. Der Missbrauchsskandal, verkrustete Strukturen, Priestermangel und ein althergebrachtes Frauenbild: Mehr als 180.000 Katholiken traten im Vorjahr aus der Kirche aus.Treffen mit Bundespräsident und BundeskanzlerinMit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach Benedikt über Europa und die Krise auf den internationalen Finanzmärkten. Politik sollte die Kraft haben, für die Menschen zu gestalten und nicht getrieben zu sein, sagte Merkel nach dem Gedankenaustausch.Wulff, seine Ehefrau Bettina sowie Merkel hatten den Papst am Morgen auf dem Flughafen Berlin-Tegel begrüßt. „Willkommen zu Hause, Heiliger Vater“, sagte Wulff. Das Wachbataillon der Bundeswehr ehrte den deutschen Papst bei seiner Ankunft auf dem Rollfeld mit 21 Salutschüssen.70.000 Gläubige im OlympiastadionZu einer Messe ins Berliner Olympiastadion kamen rund 70 000 Gäste. Im schusssicheren Papamobil fuhr der 84-Jährige auf der Innenbahn eine Runde, um den Gläubigen zuzuwinken.Im Anschluss feierte er gemeinsam mit 800 Priestern und Helfern einen glanzvollen Gottesdienst. Allein 84 Kardinäle und Bischöfe hatten sich angemeldet. Das Olympiastadion, in dem sonst der Bundesligist Hertha BSC spielt, war Kirchenangaben zufolge bis auf den letzten Platz ausverkauft. Dritter BesuchDer in Bayern geborene Joseph Ratzinger besucht Deutschland zum dritten Mal als Papst. Er ist seit 2005 Kirchenoberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken. Die Visiten beim Weltjugendtag 2005 in Köln und in Bayern 2006 waren ausschließlich pastoraler Natur, also dem Glauben gewidmet. Der jetzige Deutschland-Besuch kostet die katholische Kirche 25 bis 30 Millionen Euro. Auch Bund, Ländern und Kommunen – also dem Steuerzahler – entstehen Millionenkosten.dpa