Showdown bei der Rentenreform in Frankreich: Die Regierung will das Projekt so schnell wie möglich durchdrücken, während die Gegner schon eine neue Protestwelle planen.Arbeitsminister Eric Woerth beantragte am Donnerstag erfolgreich ein vereinfachtes Abstimmungsverfahren, um das Gesetz zur Rentenreform . noch am Freitag durch den Senat zu bringen. Die endgültige Verabschiedung durch beide Parlamentskammern könnte dann voraussichtlich Mittwoch oder Donnerstag kommender Woche folgen.Demonstranten blockierten derweil vorübergehend die Zufahrt zum Flughafen von Marseille und eine Autobahn in der Gegend von Le Havre. Auch Schulen und Universitäten waren weiterhin von Protestaktionen betroffen. Bei der Benzinversorgung müssen sich Franzosen noch mehrere Tage auf Probleme einstellen. Präsident Nicolas Sarkozy warf den Streikenden vor, die Wirtschaft als Geisel zu nehmen. „Dadurch werden Arbeitsplätze gefährdet. Ein Unternehmen, das kein Benzin mehr hat und nicht mehr liefern kann, muss irgendwann dicht machen“, sagte Sarkozy am Donnerstag am Rande eines Besuchs in der französischen Provinz: „Wir können nicht das einzige Land auf der Welt sein, in dem eine Minderheit wegen einer Reform alle anderen blockiert“.Die Proteste haben ihm laut Umfragen in seiner Popularität geschadet. Die sozialistische Oppositionschefin Martine Aubry hat ihn einer Umfrage zufolge so gut wie eingeholt. In der ersten Runde der nächsten Präsidentenwahl käme Sarkozy derzeit auf 26 Prozent der Stimmen. Aubry läge nur einen Prozentpunkt darunter. Das geht aus einer am Donnerstag veröffentlichten repräsentativen Online-Umfrage des ifop-Instituts hervor. Noch ist aber unklar, wer von den Sozialisten 2012 gegen Sarkozy antreten wird.Weiterhin Probleme mit BenzinInnenminister Brice Hortefeux räumte ein, dass es weiterhin Schwierigkeiten bei der Verteilung von Treibstoff gebe. „Es gibt aber Reserven für mehrere Wochen“, sagte er dem Sender Europe 1. Umweltminister Jean-Louis Borloo ist unterdessen in die Kritik geraten, weil er die Schwierigkeiten bei der Spritversorgung anfangs kleingeredet hatte. „Er hat sich um eine Null vertan und von 300 statt von 3000 Tankstellen ohne Treibstoff gesprochen“, schimpfte ein ungenannter Ministerkollege im „Figaro“.Trotz der Ankündigung von Präsident Sarkozy, alle Blockaden von Benzindepots zu beenden, war am Donnerstagvormittag der Zugang zu mindestens 14 Lagern versperrt. Demonstranten liefern sich Katz- und Mausspiele mit der Polizei und besetzen die Depots bis zum Auftauchen der Sicherheitskräfte. Aber auch wenn alle Lager wieder zugänglich sein sollten, ist das Versorgungsproblem nicht gelöst. Mittlerweile sind alle zwölf nationalen Raffinerien heruntergefahren. Sie wieder in Betrieb zu setzen, braucht aus technischen Gründen mehrere Tage. Frankreich muss zudem seit Beginn der Woche verstärkt Strom importieren, da wegen der Streiks die eigene Produktion gedrosselt ist.Flugverkehr teilweise lahmgelegtDie anhaltenden Streiks gegen die Rentenreform haben die nationale Fluggesellschaft Air France-KLM nach Medienberichten bislang etwa 25 Millionen Euro gekostet. Auf französischen Flughäfen waren an den vergangenen Tagen zahlreiche Flüge gestrichen worden. Hoffen auf FerienDie Proteste gegen die Anhebung des Rentenalters waren zuletzt radikaler geworden. Allein am Mittwoch seien knapp 200 mutmaßliche Randalierer in Polizeigewahrsam gekommen, sagte Hortefeux. Seit dem 12. Oktober wurden 1900 Menschen vorübergehend festgenommen, unter ihnen auch Minderjährige, die dem Jugendrichter vorgeführt wurden.Die Regierung hofft, dass mit den beginnenden Herbstferien die Protestbewegung allmählich ausläuft. Mehrere Gewerkschaften planen allerdings bereits „neue Formen von Protest“ für die Zeit nach der Verabschiedung. Auch viele Schüler sind entschlossen, die Proteste nach den Ferien fortzusetzen. Kern der Reform ist die geplante Anhebung des Mindestalters für die volle Rente von 60 auf 62 Jahre. Wer nicht lang genug in die Rentenkasse eingezahlt hat, soll erst mit 67 statt wie bisher mit 65 Jahren in den Ruhestand gehen können.dpa