<b>Eine Analyse von Janos I. Szirtes.</b><BR /><BR />Russland begann die Aggression gegen die Ukraine, unter anderem wegen der „Sorge“ um die russisch-sprechende Minderheit. Nun ist es so, dass die Minderheitenpolitik Putins zweigleisig fährt. <BR /><BR />Einerseits geht es um die eigenen Nationalitäten, die immerhin 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Ihre Zahl nimmt allerdings ständig ab. Zumindest offiziell. Zwei Hauptgründe sind die Ursachen. Einerseits bringt es Vorteile mit sich, Russe zu sein und nicht de facto als Nichtrusse diskriminiert zu werden. Andererseits wird die nationale Identität mit einer Vielfalt von Maßnahmen abgebaut. Seit 2018 ist z. B. Russisch die Amts- und Unterrichtssprache, was beabsichtigter weise zum zunehmenden Verlust der nationalen Identität führt. Die Minderheitengebiete bekommen 10 Prozent weniger Investitionen, sie gehören zu den ärmsten Gebieten Russlands, wo die Erwerbslosigkeit am höchsten ist. Auch die Ukraine-Aggression dezimiert sie, stellen sie doch unverhältnismäßig viele Soldaten. Dies betrifft z. B. Dagestan, Burjatien, Tschetschenien, wo eine Vielzahl der Soldaten nicht nur herkommt, sondern auch fällt.<BR />Um die Grenzen Russlands leben achteinhalb Millionen Russen, die Putin gern heim ins Reich bringen möchte: Dies betrifft das Baltikum, mit 20–35 Prozent oder Kasachstan, mit 20 Prozent Anteil an Russen. Als Retourkutsche zu der Sowjetzeit werden ihre Rechte geschmälert, weil die Heimatländer – nicht ohne Grund – sie als die fünfte Kolonne des Kreml betrachten. Russland schürt hier die Narrative der Unterdrückung und je mehr sie es tut, desto mehr werden die Rechte der Russen eingeschränkt. Kommen sie – wie in der Krim – ins Reich, ändert sich dies auf einen Schlag. Kein Selbstbestimmungsrecht, was in Russland als Separatismus gilt, kein Recht zum Austritt aus der Föderation, was per Verfassung untersagt ist.<BR />Offiziell gibt es in Russland z. B. 880.000 Ukrainer, tatsächlich wird ihre Zahl auf 5 – 11 Millionen geschätzt. Allein die zum erheblichen Teil mit Zwang übersiedelten aus den besetzten Gebieten betrafen zwei Millionen Menschen, die nach Fern-Ost gebracht wurden; ihre ukrainischen Papiere wurden mit russischen ausgetauscht. Ihre Nationalität wird angezweifelt, Umerziehungslager sind keine Seltenheit. In den besetzten Gebieten geht eine Zwangsassimilation vor. Hat man keinen russischen Pass, bekommt man keine Rente, Anstellung, Zugang zum Bankwesen, soziale Leistungen. In den Schulen muss Russisch unterrichtet werden, wer dagegen verstößt, wird entlassen. Russland verfährt mit Ihnen so, was sie bei den Auslandsrussen der Nachbarländer reklamiert. Nationalitätenpolitik à la Putin.