<b>Was bringt Menschen dazu, so etwas zu tun?</b><BR /><BR />Dr. Roger Pycha: Bevor wir näher auf die Täter eingehen, ist etwas wichtig zu betonen: Wir sind heutzutage immer über alles informiert. Jede Gräueltat verbreitet sich in Windeseile, und das vermittelt den Eindruck, als wäre unsere Gesellschaft gewalttätiger und grausamer als frühere. In Wirklichkeit ist unsere Epoche aber friedfertiger als frühere. Das schmälert nicht das Leid der Opfer und entbindet uns nicht von der Aufgabe, nach dem Warum zu fragen.<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Was also bringt Menschen dazu, ihr Auto zur Waffe zu machen und wahllos zu töten?</b><BR /><BR />Dr. Pycha: Die Taten spielen sich ab vor dem Hintergrund einer starken Leistungsgesellschaft, die gerade die junge Generation auch gar nicht mehr sexy findet. Einige kommen damit auch einfach nicht zurecht, manche bleiben auf der Strecke. Hinzu kommt viel Einsamkeit in unserer Welt. Es gibt jede Menge virtuelle Kontakte, aber immer weniger reale. Wer sich also in dieser Gemengelage zwischen Leistungsdruck, Versagensangst und sozialer Isolation wiederfindet, der ist im Netz ein leichtes Opfer für „Rattenfänger“. <BR /><BR /><BR /><b>Die Gefahr kommt also aus dem Internet?</b><BR /><BR />Dr. Pycha: Es ist mittlerweile erwiesen, dass viele solcher Täter über das Netz zuvor in die Fänge von radikalen, terroristischen, destruktiven Organisationen unterschiedlichster Couleur geraten sind. Die durchforsten die sozialen Netzwerke regelrecht nach geeigneten Kandidaten: Unzufrieden, isoliert, psychisch labil, das sind alles beste Voraussetzungen für ihre Pläne. Ich halte auch den Verdacht nicht für abwegig, dass hinter solchen Organisationen politische Mächte stecken, die die demokratischen Grundfeste unserer Gesellschaft eben durch solche Anschläge erschüttern wollen, indem sie Angst und Schrecken verbreiten.<BR /><BR /><BR /><b>Stichwort Angst und Schrecken. Wie kann man damit umgehen, wenn man jetzt Angst hat, auf Märkte, belebte Plätze oder einfach auf die Straße zu gehen?</b><BR /><BR />Dr. Pycha: Es etwas vorsichtiger, aufmerksamer, aber dennoch tun. Man sollte bereit sein zur sofortigen Flucht oder Schutzsuche. Aber wir sollten nicht unser soziales Bedürfnis nach friedlichen, umtriebigen Gemeinschaften aufgeben. Der Terror möchte uns genau dazu zwingen.<BR />„D“: Zurück zur „Gehirnwäsche“ im Netz. Was verfängt denn da?<BR />Dr. Pycha: Das Netz spricht nicht das Stammhirn an, also die Ratio. Es spricht das limbische System, also die Gefühle an. Das ausgespähte Opfer wird virtuell eingeladen, findet Online- Freunde, wird Teil einer Gemeinschaft, fühlt sich verstanden – und wird dabei immer mehr radikalisiert bis hin zu extremen „Lösungen“. Mit extremen, grausamen Taten wird er in der Gruppe zum vermeintlichen Helden. In Wirklichkeit ist er nur deren Spielball. Das funktioniert im Übrigen fast nur mit Männern. Die sind leichter bereit, sich für radikale „Ideale“ zu schlagen und in aggressive Auseinandersetzungen zu gehen. Frauen bevorzugen – in der Regel – friedlichere Lösungen. <BR /><BR /><BR /><b>Wie lässt sich dieser Aufhetzung im Netz denn entgegenwirken?</b><BR /><BR />Dr. Pycha: Eine Lösung wäre, unseren Überwachungsstaat zu potenzieren, sodass er jedes Wort im Netz scannt – und reagiert. Aber das ist in meinen Augen nicht die beste Lösung. <BR /><BR /><BR /><b>Sondern?</b><BR /><BR />Dr. Pycha: „Gesunde“ und reelle soziale Kontakte, außerhalb jeder Bandenbildung. Wir müssen insbesondere die Jugendlichen mehr zum sozialen Zusammensein einladen – ohne Personen außen vor zu lassen. Das ist das Konzept der Inklusion, in der jeder, egal mit welcher Herkunft oder mit welcher Schwäche oder Beeinträchtigung, einen Platz in der Gemeinschaft hat. Und wir müssen insgesamt als Gesellschaft weniger auf aggressive männliche Problemlösung, sondern mehr auf friedlichere weiblichere setzen. Stephen Hawking sagte kurz vor seinem Tod: „Nur mit Empathie können wir die Welt retten.“