Samstag, 07. März 2020

„Risikogebiet“ Südtirol: Handelskammer fordert Neubewertung

Am Donnerstagabend ließ das deutsche Robert-Koch-Institut die Bombe platzen: Südtirol wurde gemeinsam mit roten Zonen in der Lombardei und dem Veneto zum Risikogebiet erklärt. In Südtirol sorgte diese Entscheidung für Kopfschütteln und Unverständnis. Jetzt fordert Handelskammerpräsident Michl Ebner eine Neubewertung.

Die Handelskammer in Bozen fordert vom Robert-Koch-Institut, die Lage in Südtirol neu zu bewerten. Eine Einschätzung als Risikogebiet sei unverhältnismäßig und ungerechtfertigt, so Präsident Michl Ebner.
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Die Handelskammer in Bozen fordert vom Robert-Koch-Institut, die Lage in Südtirol neu zu bewerten. Eine Einschätzung als Risikogebiet sei unverhältnismäßig und ungerechtfertigt, so Präsident Michl Ebner.
Der Präsident des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler begründete die Entscheidung, Südtirol zum Risikogebiet zu erklären, mit „der Anzahl der Infektionen und der Dynamik der Ausbreitung des Coronavirus in der norditalienischen Region“.

Entscheidend für die neue Bewertung sei auch, „wie viele Infektionen aus dem Risikogebiet in andere Länder getragen worden seien“.

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„Diese Einstufung Südtirols als Risikogebiet entbehrt jeglicher Grundlage, wir fordern eine Neubewertung und haben bereits in diesem Sinne beim RKI interveniert“, informiert der Präsident der Handelskammer Bozen Michl Ebner, am Samstag.

Südtirol sei nicht mit Norditalien gleichzusetzen, es bedürfe einer geographischen Präzisierung.

„Die nördlichste Provinz Italiens ist von den roten Zonen in der Lombardei und im Veneto weit entfernt. Darüber hinaus zählt auch Italien Südtirol nicht zur roten Zone“, so Ebner.

„Halb Deutschland müsste als Risikogebiet eingestuft werden“

Südtirol hatte nach Angaben des Südtiroler Sanitätsbetriebs zum Zeitpunkt der Einstufung als Risikogebiet nur einen bestätigten Coronavirus-Fall.

Am Samstag kamen 5 neue Verdachtsfälle zu 3 weiteren hinzu, wobei die bestätigenden Tests aus Rom noch ausstehen.

„Wenn die Anzahl der Infektionen für das Robert-Koch-Institut ausschlaggebend ist, müsste dieses momentan halb Deutschland als Risikogebiet einstufen. Am heutigen Samstag meldet das Robert-Koch-Institut 640 bestätigte Fälle in der Bundesrepublik. Die Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung wird in Deutschland vom Institut jedoch nur als mäßig eingeschätzt“, zeigt sich der Präsident der Handelskammer verwundert.

Auch sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Infektionen nicht von Südtirol aus nach Deutschland getragen wurden, sondern die Personen sich bereits in Deutschland angesteckt haben, vor allem in Nordrhein-Westfalen, wo es derzeit mit fast 350 Fällen die meisten Infizierten gibt. Stark betroffen sind auch Baden-Württemberg mit 116 und Bayern mit 117 Fällen.

„Der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) Lothar Wieler hat selbst in seiner Pressekonferenz am Donnerstag bestätigt, dass die meisten Coronavirus-Infektionen auf eine Ansteckung in Deutschland zurückzuführen sind“, so Ebner.

Unverantwortlich sei es auch, dass das Auswärtige Amt aufgrund eines einzigen bestätigten Coronavirus-Falls einen Reisehinweis gegen einen Aufenthalt in Südtirol ausgesprochen hat.

„Schwerer Schlag für die Südtiroler Wirtschaft“

„Die Einstufung als Risikogebiet ist vor allem aufgrund der psychologischen Faktoren ein schwerer Schlag für die Südtiroler Wirtschaft. Wenn das Vertrauen unserer deutschen Gäste verloren geht, müssen Hotels schließen und es werden Menschen ihre Arbeit und ihr Einkommen verlieren. Betroffen sind auch der Handel, die Bauwirtschaft und die Landwirtschaft. Gemeinsam müssen wir an die Verantwortlichen in Deutschland appellieren, um eine Neubewertung der Situation in Südtirol zu erreichen“, ist Handelskammerpräsident Michl Ebner überzeugt.

Seit der Einstufung als Risikogebiet verzeichne Südtirol täglich massenhaft Abreisen und Stornierungen deutscher Gäste. In München wurden am Freitag sogar in Schulen Selektionen durchgeführt, wobei jene Schüler, die einen Urlaub in Südtirol verbracht hatten, der Schule verwiesen wurden.

„Dies ist unnütze Hysterie“, so Ebner.

Erster Coronavirusfall in Europa war in Deutschland

Nicht vergessen werden dürfe, dass der erste Coronavirusfall Euopas im Jänner 2020 in Deutschland aufgetreten ist. Ein diesbezüglicher Brief der deutschen Ärzte, die den Fall entdeckt haben, wurde im New England Journal of Medicine veröffentlicht, berichtete der Corriere della Sera in seiner Ausgabe von Freitag.

„Sonderbar, dass die deutschen Ärzte nicht in Deutschland ihre Erkenntnisse veröffentlicht haben, sondern in Großbritannien“, schließt die Aussendung aus der Handelskammer. Dies erinnere an den gestorbenen chinesischen Arzt, der das Coronavirus in China entdeckt hatte.

liz