von Franz Niedermaier<BR /><BR />Die vorgezogenen Neuwahlen führen zu einem ungewöhnlich kurzen Wahlkampf. Statt monatelanger Vorbereitungen müssen die Parteien nun in Rekordzeit ihre Botschaften an die Wähler bringen, noch dazu mitten im Winter. Wer durch das Land fährt, dem fällt auf, wie wenig Wahlplakate im Vergleich zu vergangenen Wahlkämpfen zu sehen sind. <BR /><BR />Der Kampf um die Stimmen der Wahlberechtigten treibt auch seltsame Blüten. So rieben sich die Münchner die Augen, als sie Robert Habeck (55), wenig erfolgreicher Wirtschaftsminister und Kanzlerkandidat der Grünen, auf einem riesigen digitalen Plakat prangen sahen – ausgerechnet auf dem Siegestor in jener Straße, in der in den dunkelsten Zeiten gewaltige Parteiparaden abgehalten wurden. Kein Wunder, dass diese geschichtsvergessene Inszenierung der Grünen nicht genehmigt war und den historisch einigermaßen Bewanderten einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ. <BR /><BR />Mit seinen Aussagen über die Situation in Deutschland sorgte jüngst der reichste Mann der Welt für Aufsehen. Der Tech-Milliardär Elon Musk (53) empfahl nicht nur die von den Mitbewerbern wie der Teufel gemiedene AfD zu wählen, er erdreistete sich gar, deren Kanzlerkandidatin Alice Weidel (45) auf seinem Netzwerk X ein Interview zu geben. Das Establishment tobte ob der dann eher langweiligen Unterhaltung und die EU entblödete sich nicht, öffentlich zu gestehen, dass sie 150 Beobachter für das Schauspiel abkommandiert hatte.<BR /><BR />Zugleich kritisierte man, dass Musk sich unerlaubt in den Wahlkampf einmische. Er sei eine Gefahr für die Demokratie. Dass deutsche Politiker reihenweise Empfehlungen für die Wahl des amerikanischen Präsidenten gaben, ja sogar auf Parteitagen der Demokraten auftraten oder im Häuserwahlkampf mitmischten, übersah man freilich im Kampf gegen das vermeintlich Böse. Die Furcht vor dem innovativen, in Südafrika geborenen Musk muss gewaltig sein…<BR /><BR />Derlei merkwürdige Geschehnisse sieht der aufmerksame Betrachter zur Zeit an vielen Orten in der Bundesrepublik und er reibt sich ungläubig die Augen. Der Kulturkampf scheint endgültig ausgebrochen zu sein, die Gräben vertiefen sich zwischen den Lagern und zwischen Stadt und Land. Leidtragender ist die Demokratie, von der gern mit hehren Worten gesprochen wird. Doch meist geht es nicht um sie, sondern darum, diese dem Feind abzusprechen und sich selbst moralisch aufzublähen. Dabei bräuchte das geschundene Land nur eines: die Rückkehr zur Sachpolitik. <h3> Zum Autor</h3>Franz Niedermaier, Jahrgang 1969, ist unser neuer „Bayern“-Kolumnist. Der studierte Historiker Niedermaier war Journalist beim „Bayernkurier“ und ist derzeit Leiter Politik bei einer deutschen Krankenkasse.